Der freie Wille

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Die Spinne betrachtete zufrieden, ja mit Stolz ihr Werk.

Ein wirklich perfektes Netz hatte sie gesponnen, fein, regelmäßig, leicht und doch stark. Ein wahres Kunstwerk, das morgens den Tau und die Sonnenstrahlen zu einem funkelnden Treffen einlud.

Sie setzte sich an den Rand des Netzes, ruhig, erwartungsvoll.

Die Fliege war jung, kräftig, voller Tatendrang und landete vom vielen Herumsurren ein wenig müde elegant auf dem Netz.

Kaum hatte sie nahe der Mitte Platz genommen, näherte sich eilfertig die Spinne.

„Guten Morgen,“ flüsterte sie heiser.

Unbehaglich versuchte die Fliege ihr rechtes Bein zu heben, vergeblich.

„Guten Morgen,“ surrte sie, „ich wollte nur kurz eine Pause machen.“

„Ja, ja“, seufzte die Spinne, „das sagen sie alle, nur kurz, nur kurz.“

Die Fliege strengte sich an, doch auch das linke Hinterbein hatte sich jetzt irgendwie verhakt.

„Tatsächlich will ich gleich weiter fliegen,“ beteuerte sie.

„So, so,“ lächelte die Spinne, „willst Du etwa behaupten, ich habe dich gezwungen hier zu landen.“

„Nein, das war schon meine eigene Idee,“ ächzte die Fliege, die hilflos zappelte.

„Du gibst also zu, dass Du aus freien Stücken hier gelandet bist?“ fragte die Spinne.

Missmutig stimmte die Fliege zu, aber sie habe nicht lange bleiben wollen.

„Niemand hat Dich gezwungen auf meinem Netz zu landen,“ betonte die Spinne und fesselte geschmeidig auch die Vorderbeine der Fliege.

„Nein, niemand, es war meine eigene Entscheidung,“ gestand die Fliege und strengte sich vergeblich an freizukommen.

„Siehst Du, genau das ist mir wirklich wichtig, der freie Wille, eine kostbare Seite des Lebens,“ beteuerte die Spinne,“das macht es mir nämlich leichter,“ und mit einer blitzschnellen Bewegung injizierte sie ihr Gift.

„Aber ich wollte doch nur landen und dann weiterfliegen,“ protestierte die Fliege schwach.

„Immer wieder der gleiche Denkfehler.“ Die Spinne rollte ihre acht Augen, „frei bist Du in Deiner Wahl, aber nicht mehr frei, was die Folgen Deiner Wahl betrifft.“

Interessiert betrachtete die Spinne das Zappeln der Fliege, die noch träge grübelte, dass sie das alles doch gar nicht wollte.

Dann starb die Fliege,

Bedächtig wickelte die Spinne sie ganz ein.

Eine kräftige Fliege, freute sie sich.

Ich sauge sie aber erst später aus.

Wer weiß, wer noch zu Besuch kommt.

Autoscham

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Ich habe mir ein Auto gekauft, um es möglichst wenig zu fahren.

Absurd? Keineswegs, das spiegelt eine relativ neue Situation des „Schlechten Gewissens“ wieder. Der Klimawandel. Greta. F f F.

Natürlich werde und will ich mit dem Auto fahren, aber so wenig wie möglich. Schließlich ist das Fahrzeug ein „Benziner“ – ein Umweltschädling.

Früher – ältere Menschen reden oft von „früher“, das Signum der Alten – also früher, kaufte man ein Auto, weil man es HABEN wollte und vermeintlich/tatsächlich benötigte: für die Arbeit, für den Urlaub, zum Einkaufen, um das Kind zum Fußballplatz oder zur Chorprobe zu bringen. Das Auto war früher immer auch Statussymbol, Potenzgeste. Ich erinnere einen Klassenkameraden, der immer damit angab, dass sein Vater den neuesten Jaguar besaß, mehr Renommee als ein schlichter Mercedes. So war das früher.

Früher? Hat sich daran was geändert? Welchem Zweck dienen eigentlich tonnenschwere SUVs?

Angesichts von Klimawandel (oder ist Klimakatastrophe p.c.) legt sich über unser Handeln der Schatten eines ständigen moralischen Abwägens. Aber auch bei härtester Regulierung des Alltagslebens (kein dies, kein jenes, Verzicht hierauf, Verzicht darauf…), Du kommst nicht unschuldig aus der Situation, aus der Tatsache, dass Du lebst, atmest, ißt, trinkst, dich bewegst. Immer ist Dein ökologischer Fußabdruck noch zu groß, wir leben im Kompromiß (siehe Nasemann, 2021).

Fast noch schlimmer als das Autofahren ist das (Kurzstrecken)fliegen verwerflich. Der Begriff „Flugscham“ entstand 2017 (Übersetzung des schwedischen „flygskam“).

Also Autofahren – aber wenigstens mit schlechtem Gewissen. Urlaub – besser nicht den Kurzflug nach Malle.

Doch dann schaue ich mich um: alle Welt fliegt in den Urlaub. Flugscham???

Jeder und jede findet eine Begründung: Urlaub war dringend nötig, unaufschiebbar, keine Alternative, der Liebe wegen (aber immer doch), schon lange geplant, nur einmal usw. Wir sind alle MeisterInnen der Exculpation.

Also echt, ich kann auch nichts dafür, dass ich ein Auto benutzen muss. Schlechte Anbindung durch ÖPNV (in Berlin BVG). Und mal ehrlich, wenn ich für die gleiche Strecke mit den Öffentlichen dreimal so lange brauche wie mit dem Auto… Und dann noch nachts endlos lange auf die unzuverlässigen Verbindungen/Anschlüsse warten muss… Dann doch das Auto.

Autofreie Stadt Berlin, lächerlich. Das sehe ich noch lange nicht.

Meine Forderung: baut die Infrastruktur so aus, dass das Benutzen der Öffentlichen Verkehrsmittel nicht eine zeitfressende, unbequeme Groteske wird.

Natürlich benutze ich so oft es geht das Rad. Ich liebe das Fahrrad. Aber die Botschaft, die ich tagtäglich im Straßenverkehr erlebe: Du bist lästig, Du nervst mit Deinem Rad, für Dich ist eigentlich kein Platz vorgesehen, notgedrungen nehmen wir dich in den Öffentlichen mit. Es gibt natürlich in der Berliner S Bahn keine Haltemöglichkeiten, keine Verankerung, keine Sicherung. Es gibt ein an die Fensterscheibe appliziertes Fahrradsymbol. Und es gibt die Erfahrung: die Berliner lieben die in Reihe angebrachten Sitze in dem „Fahrradabteil“, es muss einen besonderen Reiz haben, hier nebeneinander sitzen zu können – ohne Rad. Ansonsten gibt es nichts, was das Abteil von anderen unterscheidet.

Ein Gefühl des Lästigseins und durchaus Neid, wenn ich mich bei leichtem Nieselregen auf dem Rad abstrampele und ein Auto lässig vorbeirauscht, innen dudelt das Radio, es ist warm und bequem. Und dann fährt auch noch die Angst mit. Ich möchte nicht von den großen Reifen eines LKW zerquetscht werden und auch nicht vom glänzenden Blech eines KFZ. Und was passiert, wenn ich Auto fahre? Dann können mich RadfahrerInnen durchaus nerven. Und wenn ich Rad fahre, wunderbar dieses edle Gefühl moralischer Überlegenheit, darin lässt sich gut baden

Zurück zur Scham: ich habe den leisen Verdacht, Flugscham u.ä. ist was für die „Normalos“, die allgemeine Bevölkerung. Die sollen sich schämen, verzichten, einsichtig sein. Hat man je erlebt, dass die drei Milliardäre Jeff Bezos, Elon Musk und Richard Branson sich geschämt haben, weil sie bei ihrer Kindergartenshow „wer fliegt als erstes in den Weltraum“ Unmengen von Geld verballern und Schadstoffe en masse in die Umwelt pusten? Wie lächerlich ist das eigentlich? Egotrip, Machogehabe.

Schämen sich die Formel1 Piloten, wenn sie mit ihren Boliden die Umwelt verpesten? Keine Spur. Die finden sich toll. Aber wenn Hans Müller nach Griechenland fliegt, soll er sich schämen. Ich fühle mich verarscht. Die größte Kunst besteht im übrigen darin, mit der Klimaflagge zu wedeln und dann noch ein paar Fotos vom Sightseeing in Italien zu schicken.

Lektüre

Marie Nasemann: Fairknallt: Mein grüner Kompromiss. Ullstein 2021 Ein ebenso persönliches wie politisches Buch von Unternehmerin, Schauspielerin und Fair-Fashion-Aktivistin Marie Nasemann über die ökologischen Kompromisse, die wir alle eingehen. Wir wollen den Planeten retten, aber auf Käse zu verzichten, erscheint uns unmöglich. Wir möchten CO2 einsparen, aber trotzdem Urlaub auf Bali machen. Doch wie können wir ein wirklich nachhaltiges Leben führen, das nicht völlig spaßbefreit ist? Ehrlich und unterhaltsam beleuchtet Marie Nasemann verschiedene Bereiche ihres Lebens, schaut ganz genau hin und inspiriert uns alle zu einem bewussteren Alltag. Einem, der jede Menge Spaß macht! https://fairknallt.de

Alltag

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Der folgende Text ist persönlich, authentisch, ich schwöre. Eigentlich muss man nicht mehr authentisch sein, man muss authentisch rüberkommen. Man muss auch nicht ehrlich sein, man muss ehrlich rüberkommen usw. So ist das heutzutage. Mediale Präsenz. Die Wahrheit? Oh je, was ist schon die Wahrheit. Aber mir ging es tatsächlich so an einem

Mittwoch, 14. Juli 2021 um 17 Uhr.

Es ist schwül.

Ich bin müde.

Ich bin lustlos.

Ich MÜSSTE

  • Ich müsste kontrollieren, warum die Drillisch GmbH mir immer noch einen Beitrag von 9,99 Euro für einen Handyvertrag abzieht, den es m.E. nicht mehr gibt. Gekündigt.
  • Ich müsste das Gutachten für eine Therapieverlängerung zu ende schreiben
  • Ich müsste das Ticket bei Eventim für den 1.6.2022 canceln, umtauschen, irgendwas
  • Ich müsste die Unterlagen für die Krankenkasse sortieren
  • Ich müsste die Unterlagen für den Autokauf sortieren
  • Ich müsste das Bücherregal aufräumen
  • Ich müsste 4 mails beantworten
  • Ich müsste das Schuhregal im Keller aufräumen
  • Ich müsste ein neues Regal besorgen
  • Ich müsste eine neue Brille besorgen (Rezept liegt vor)
  • Ich müsste bei Volvo anrufen und einen Termin machen wegen eines Elektronikmoduls
  • Ich müsste eine Arztrechnung bezahlen und bei der Allianz einreichen
  • Ich müsste den Orthopäden wg Termin für Hyaloronsäure anrufen
  • Ich müsste meinen Kleiderschrank aufräumen
  • Ich müsste die Bücher sortieren und aussortieren
  • Ich müsste das Werkzeug im Keller aufräumen und sortieren
  • Ich müsste mich um den kaputten Staubsauger kümmern
  • Ich müsste mein Fahrrad putzen wg Werkstatttermin
  • Ich müsste bei dem anderen Fahrrad die Bremsen montieren
  • Ich müsste den Gelben Sack befüllen und das Papier in die Tonne stopfen
  • Ich müsste 2 Laubsäcke entsorgen
  • Ich müsste 2 Sakkos in die Reinigung bringen
  • Ich müsste noch 1 Paar Schuhe zum Schuster bringen
  • Ich müsste noch die 30 Grad Wäsche waschen
  • Ich müsste noch den Wäscheständer abräumen
  • Fazit: Ein Genie erstickt im Alltag.
  • Ich will dem Ordnungsamt schreiben
  • Ich will im Blog was schreiben
  • Ich will zum Thema „Bürokratisierung“ was lesen
  • Ich will überhaupt mehr lesen
  • Ich will mit meiner Frau mehr äh, äh, na ja… aber wollen und vermögen sind nicht immer paritätisch… tja…
  • Ich will über die Ausstellung von Laura Poitras – Circles nachdenken und was dazu schreiben
  • Ich will über die Ausstellung von Yael Bartana – Redemption nachdenken und was dazu schreiben oder was gestalten
  • Ich will zwei Objekte zuende gestalten
  • Ich will von 3 Bildern Fotoabzüge machen lassen

Ich will meine Ruhe haben

Ich habe heute gar nichts gemacht und gleich koche ich für meine Frau und mich. Es gibt geschmorte Pfifferlinge, dazu Gnocchi in Butter geschwenkt und einen Tomatensalat mit einer raffinierten Soße.

Übrigens, mir geht’s prima.

Das war´s.

Nix passiert. So ist das Leben zwischen dem MÜSSTE-Monster und dem HÄTTE-Monster

und dem „ich will – krieg´s aber irgendwie nicht hin“.

Subtext

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Ich habe eine APP entwickelt, einfach runterzuladen, kostenlos. Auch die Handhabung ist simpel, also wirklich benutzerfreundlich. Es handelt sich um eine SUBTEXT- Generier Software (SGS). Die Funktion besteht darin, dass beliebige (politische) Aussagen eingegeben werden und der entsprechende Subtext generiert wird. Dieser Subtext entspricht der Wirklichkeit hinter dem eigentlichen öffentlichen Text, natürlich handelt es sich nur um eine Approximation an die Wahrheit/Wirklichkeit. Tatsächlich exploriere ich durch ein geheimes Verfahren die innersten Gedanken diverser PolitikerInnen.

Nehmen wir ein aktuelles Ereignis. Am 23.Mai 2021 zwingt ein belarussicher Kampfjet ein Flugzeug von Ryanair, das auf dem Weg von Athen nach Vilnius (Litauen) war, in Minsk zur Landung. Angeblich habe es eine Bombenwarnung gegeben. Der 26jährigen oppositionelle Blogger Roman Protassewitsch und seine Freundin werden herausgeholt und verhaftet. Ein unglaublicher Vorgang. Der offensichtlich gefolterte Blogger legt einen Tag später ein Geständnis über terroristische Aktivitäten ab.

Der weissrussische Diktator Lukaschenko lässt in einer offiziellen Stellungnahme laut der Zeitung des Präsidentenamtes Belarus Segodnja vermelden: „Sie sollten die Hauptsache hier verstehen: An Bord des Flugzeugs war ein Terrorist.“ Die Festnahme sei das souveräne Recht des Staates gewesen und im Einklang mit dem Völkerrecht, man habe das Volk schützen wollen.

Setzen wir nun die SGS App ein, hier der Subtext:

„Mein Volk ist mir egal, Recht und Gesetz sind mir auch egal, das Völkerrecht interessiert mich nicht. Ich will an der Macht bleiben, inszeniere hier eine Pseudodemokratie. Demokratie ist eigentlich Quatsch, aber ich tue mal so als ob. Die Schreie der Gefolterten in meinen Gefängnissen sind mir ebenfalls egal. Dieser blöde Blogger hat mich gestört, also muss er weg. Natürlich hat er sein sogenanntes Geständnis unter Folter gemacht. Richtig so.“

Also für mich klingt das ganz schlüssig. 95%ige Approximation an die Wirklichkeit.

Ein weiteres Beispiel für die Effizienz meiner App: Der syrische Diktator Assad. Heute (25.5.21) wird in Syrien gewählt. Bashar al Assad erbte im Jahr 2000 die syrische Herrschaft von seinem Vater. Jetzt erfolgt die „Wahl“ zu seiner vierten Amtszeit. In den vergangenen Jahren wurde das syrische Volk durch den eigenen Präsidenten verfolgt, vertrieben, tausende getötet, tausende werden täglich in syrischen Gefängnissen gefoltert.

Subtext zur Situation (Gedanken des Diktators): „Ich will unbedingt an der Macht bleiben. Meine Frau Asma soll sich weiter ihren großartigen Lebensstil leisten können (Luxuskäufe bei Harrods usw), ist doch süß, wenn sie so hervorragend gekleidet ist. Sollen wir etwa im Dreck leben wie das bescheuerte Volk, das sowieso keine Ahnung hat. Klar leiden die Hunger, interessiert mich nicht. Ich mache hier einen auf Demokratie und freie Wahlen, natürlich ist das Unsinn. Die meisten Syrer können doch eh nichts mit Demokratie anfangen. Und Folter in den Gefängnissen? Geht halt nicht ohne. Hauptsache der Putin hält noch zu mir.“

Meine SubtextSoftware hilft mir die Gegenwart zu erkennen. Man darf sie aber besser nicht überall und zu viel anwenden. Dann könnte man echt den Glauben an die Menschheit verlieren.

„Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte.“

Max Liebermann (Werk: nach „Bernd Küster: Max Lieberman – ein Malerleben.“ Liebermann soll das beim Betrachten eines Fackelzugs zu Adolf Hitlers Machtübernahme gesagt haben)

https://www.zitate-online.de/sprueche/allgemein/18630/ich-kann-gar-nicht-so-viel-fressen-wie-ich-kotzen-moechte.html

Champagner

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Am Donnerstagabend, 15.4.2021, kam es zu einem bedrückenden Notstand in Supermärkten (nur in den etwas besseren) oder Edelkaufhäusern: Der Champagner war alle, nichts mehr zu bekommen. Nein, nicht der Sekt. Ich bitte Sie, natürlich der Champagner.

VermieterInnen überschlugen sich mit Jubel, da muss schon ein Champagner Taittinger Brut Reserve her oder ein Champagner Veuve Cliquot, schließlich hatte das Bundesverfassungsgericht ein Urteil gefällt, das bares Geld bedeutet. Der „Mietendeckel“ (Gesetz zur Mietenbegrenzung im Wohnungswesen in Berlin) wurde aufgehoben, ist zu Boden gekracht, unbrauchbar. Vermieter dürfen wieder zuschlagen, das Urteil gilt auch rückwirkend. Damit können die Vermieter in Berlin nun die Beträge, die wegen des Deckels eingespart wurden, zurückfordern.

Die rot-rot-grüne Landesregierung hatte zum 23. Februar 2020 die Mieten für rund 1,5 Millionen Wohnungen eingefroren, auf dem Stand von Juni 2019. Das betrifft neun von zehn Mietwohnungen.

Jetzt wird heftig die „Selbstüberschätzung“ des Senats kritisiert. Wohl zu Recht, der „Mietendeckel“ war juristisch nicht abgesichert. Allerdings wurde er nicht als Instrument der Regulierung im Wohnungsmarkt entwickelt, weil die faulen Berliner keine Lust haben, Miete zu zahlen, weil sie ihr Geld lieber versaufen wollen o.ä., nein, er war eine eher hilflose Reaktion auf eine Notlage, die darin besteht, dass bezahlbare Mietwohnungen nicht angeboten werden. Menschen bemühen sich vergeblich um eine Wohnung, um ein Dach über dem Kopf, um ein menschenwürdiges Wohnen. Mit der veralteten Formel, die Miete solle ca 30% des Einkommens betragen, ist gar keine Wohnung zu bekommen, teilweise frisst die Miete die Hälfte des Einkommens. https://www.welt.de/politik/deutschland/article168912703/Wenn-die-Miete-fast-die-Haelfte-des-Einkommens-frisst.html. Man muss das mal ganz langsam sacken lassen, da schuftet etwa eine Krankenschwester jeden Monat und muss die Hälfte des verdienten Geldes ausgeben, damit sie überhaupt wohnen kann.

Gegen den Mietendeckel geklagt hatten im übrigen 284 Bundestagsabgeordnete von CDU und FDP (unsere Diener des Volkes, die sich gelegentlich selber bedienen, siehe Maskenaffäre ). Wer jetzt annimmt, dass handfeste Interessen als Immobilienbesitzer dahinterstehen, sieht das völlig falsch. Nein, es geht vermutlich etwa um den Einsatz für ein armes Mütterlein, das lebenslang geschuftet, Spargroschen beiseite gelegt hat, um sich dann eine klitzekleine Eigentumswohnung zu kaufen, damit die spärliche Rente aufgebessert wird. Und dann die herbe Enttäuschung durch den schlimmen Mietendeckel, jetzt konnte sie sich noch nicht einmal eine Tasse Kaffee am Tag leisten. Ja, es gibt schon arme VermieterInnen. Tatsächlich ist die dreiste Schamlosigkeit der Vermieter kaum zu übertreffen, gilt aber als normal, Hauptsache abzocken. Wie kann es denn sein, dass z.B. eine sog. Erbengemeinschaft (die Ururgroßeltern hatten ein Mietshaus gebaut) noch 100 Jahre später Mieten abkassieren von BürgerInnen, die täglich arbeiten gehen, während die Ururenkel auf einer Karibikinsel ihren Hintern in die Sonne halten und sich ihr Leben finanzieren lassen.

Ein Stimmungsbild zum Urteil findet sich im Tagesspiegel Checkpoint vom 17.4.2021

„Schriftlich bekommen haben einige Mieter:innen bereits die Freude einer Hausverwaltung in Schöneberg (Hauptsitz in Florida). „Zu früh gefreut“ beginnt die Mail, die in etwas unterschiedlicher Form an mindestens zwei Mieter rausging. „Wir fordern sie hiermit auf bis spätestens zum 23.04.2021 jegliche Mietminderung nachzuzahlen, sollten wir bis dahin nicht die vollständige Nachzahlung ihres Mieternkontos erhalten haben, werden wir dies unverzüglich an unseren Rechtsbeistand übergeben, was ihnen weitere Kosten verursachen wird.“ Als freundlichen Zusatz gibt es dann noch den „Vorschlag“, so schnell wie möglich das Mietverhältnis zu beenden „da wir solche Mieter wie sie sowieso nicht bei uns wohnen haben wollen“ oder auch „solche Mieter brauchen wir nicht“. Schöne neue Welt.

Auch bei den Google-Bewertungen wurde die Firma (ausgewiesen als Vermögensverwaltungsgesellschaft) zuletzt auffällig schlecht bewertet, weil sie zum Beispiel Mietern Instandhaltungsmaßnahmen verweigert habe, „da sie Gebrauch vom Mietendeckel machen“. Auf Checkpoint-Anfrage, ob diese Mails gestern tatsächlich an Mieter:innen rausgegangen seien, antwortete die Firma: „?????????????“ (Mail 1) und „wie kommen sie darauf uns diese fragen zu stellen?“ (Mail 2). Sorry, war wohl alles nur ein Missverständnis.“

Ich finde das alles noch viel zu gemäßigt. Das Einkommen von MieterInnen sollte grundsätzlich auf HartzIV Niveau gekürzt werden, der Rest des Geldes geht an VermieterInnen. Schließlich sind das die Leistungsträger der Gesellschaft, die was aus ihrer Position und ihrem Erbe gemacht haben.

Vor allem sollte die sog Schere zwischen Arm und Reich sich endlich richtig erweitern.

Vielleicht wachen die BürgerInnen dann mal auf.

Literaturempfehlung

Anna Mayr (2020): Die Elenden. Warum unsere Gesellschaft Arbeitslose verachtet und sie dennoch braucht. Hanser

Julia Friedrichs (2021): Working Class. Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können. Berlin Verlag

Julia Friedrichs (2015): Wir Erben. Warum Deutschland ungerechter wird. Piper

Emmanuel Saez, Gabriel Zucman (2020): Der Triumph der Ungerechtigkeit. Steuern und Ungleichheit im 21. Jh. Suhrkamp

Sahra Wagenknecht (2016): Reichtum ohne Gier. Wie wir uns vor dem Kapitalismus retten. Campus

Auf dem Boden und unter dem Dach

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Nr.1

Ein dunkler Tropfen bin ich

der auf zwei Händen läuft

Suche meine Geschwister

Allein

Tropfen haben keine Hände

Das ist eben das Problem

Ich komme einfach nicht ins Fließen

Armer Tropf

Nr.2

Einer unbekannten Traurigkeit

beliebt es

mich zu umarmen

Eine Schwester des Todes

Wann lässt sie mich endlich los

Alles geht weiter

Wie immer

Wie immer

Wie immer

Nr.3

Jan Garbarek löst mich auf

Ein heller Schrei in dunklen Katakomben

Ich höre auf

Noch einmal

Tropfen perlen an der

schmutzigen Fensterscheibe.

Immer lässt der Mond

auf sich warten

Beim Klang von „Officium“ – Jan Garbarek, The Hilliard Ensemble. 1993

Indianerhäuptling

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Ich war leider kein Indianerhäuptling. Nur einfacher Indianer, aber mit Federschmuck und Pfeil und Bogen. Cowboy wollte ich meist nicht sein. Indianer waren tapfer und edel, Cowboys eher feige. Hatten Pistolen, die gemein waren, weil Pfeil und Bogen überlegen. Natürlich fand ich Pistolen interessant, anfangs gab es nur Pistolen mit Zündplättchen. Man fummelte eine kleine Rolle, auf der die Plättchen angebracht waren, in die Pistole, durch jeden Schuss rückte das nächste Plättchen nach. Man konnte auch einen Streifen auf den Boden legen und mit einem Eisennagel schnell die Reihe entlangschrappen, das ergab eine Art Knattern. Durch das Abfeuern entstand ein toller Geruch, Pulverdampf eben. Später gab es teure Revolver mit Trommel, in die man ein mehrschüssiges Magazin einlegen konnte. Das Abfeuern ging schneller. Wenn alles verballert war, riefen wir „Peng“. Das war ungefähr 1953. Der Krieg war noch nicht lange her, die Erwachsenen duldeten die „Waffenspiele“. Manchmal hieß es, „aber ziel nicht auf einen Menschen!“ Auf wen denn sonst, auf die Feinde natürlich.

Wieso ich das erzähle? Weil die Spitzenkandidatin der Grünen für die Abgeordnetenhauswahl Bettina Jarasch auf der Landesdelegiertenkonferenz erwähnte, sie wäre früher gern „Indianerhäuptling“ geworden.

Nur am Rande: Geht´s noch: Mädchen waren niemals Häuptling, höchstens Squaw mit einer Feder.

Da hat sich zum Glück was verändert.

Es entstand wegen der Verwendung des Begriffs „Indianerhäuptling“ ein shitstorm.

Frau Jarasch entschuldigte sich in einer Rede zur Antidiskriminierung für ihre „unreflektierten Kindheitserinnerungen“ und die Grünen fühlten sich tatsächlich bemüßigt, aus dem Mitschnitt der Konferenz (zu sehen auf Youtube) diese „Indianer“-Passage zu löschen. Ich nenne das eine widerliche Zensur, die Sittenwächter sind unterwegs, um im Namen der unterdrückten Menschheit die Sprache zu überwachen. Ich finde es sehr bedauerlich, dass Frau Jarrasch sofort „einknickt“ und in dieser albernen Angelegenheit einen Kotau macht.

Also mal ganz klar, ich entschuldige mich nicht. Ich war gern Indianer.

Was ja nicht heißt, dass ich mich als Erwachsener nicht mit der Figur des „edlen Wilden“ auseinandergesetzt habe.

Literaturempfehlung:

Rodenberg, Hans-Peter (1994): Der imaginierte Indianer. Zur Dynamik von Kulturkonflikt und Vergesellschaftung des Fremden. Suhrkamp

Kohl, Karl-Heinz (1986): Entzauberter Blick. Das Bild vom Guten Wilden und die Erfahrung der Zivilisation. Suhrkamp

Greenblatt, Stephen (1994): Wunderbare Besitztümer. Die Erfindung des Fremden: Reisende und Entdecker. Wagenbach

Iparraguire, Sylvia (1999): Land der Feuer. Fest (sehr spannender Roman über den Feuerland „Indianer“ Jemmy Button, der nach England verschleppt wurde, um ihn zu „zivilisieren“).

Im übrigen ist es wohl sehr viel angemessener, sich mit der historischen Realität und jetzigen Situation indigener Volksstämme in den USA zu beschäftigen. So ist kaum bekannt, dass es in den USA seit 1907 rechtlich abgesicherte Zwangssterilisationen gab (bis 1981 erlaubt und offiziell durchgeführt), denen viele indigene Frauen zum Opfer fielen. „Insbesondere in den 1960/70er Jahren wurden an amerikanischen Ureinwohnern bzw. an indigenen Frauen Zwangssterilisationen vorgenommen.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Zwangssterilisation#USA

Die Befürworter des eugenischen Programms in den USA (Verhinderung von „minderwertigem“ Nachwuchs) nahmen durchaus wohlwollend die entsprechenden Maßnahmen im Nazi-Deutschland wahr. In Deutschland wiederum waren die Zwangssterilisationen in den USA ein Vorbild für eigene Maßnahmen (https://www.spiegel.de/panorama/zwangssterilisation-in-den-usa-die-verdraengte-schande-a-806709.html).

Die jetzige soziale, ökonomische, politische und gesundheitliche Situation der indigenen Völker in den USA sind eine Schande. Die USA sind das Land der enormen sozialen Ungleichheit (https://www.srf.ch/news/international/land-der-ungleichheit-diese-grafiken-zeigen-die-sozialen-unterschiede-in-den-usa). Die Situation der Indianer in den Reservaten ist erbärmlich, Armut, Krankheit, Bildungsnotstand. Das sind die realen Probleme heute, und nicht, ob jemand als Kind gern „Indianerhäuptling“ gewesen wäre.

Todestrieb

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Durch eine Freundin (Analytikerin) angeregt, habe ich mich mit dem Todestrieb beschäftigt. Ein spannendes Thema gerade in CoronaZeiten, das für viele tödliche und von manchen geleugnete Virus.

Klingt erst einmal merkwürdig, Todestrieb, dominiert nicht der unbedingte Wille zum Leben (Schopenhauer, siehe Safranski, S.80ff)? Tatsächlich? Schaut man sich die Erde aus der Distanz an und betrachtet speziell die Aktionen des sog homo sapiens, könnte man zu der Auffassung gelangen, die Menschheit handelt nach einem irgendwie gearteten „Todestrieb“, weil sie durch hemmungslosen Konsum, Gier, Verachtung und Vernichtung von Mitmenschen, Klimakatastrophe (Motto: Komm gib Gas, ich will Spaß), den Ast, auf dem sie sitzt, absägt und die Auslöschung dieser Gattung von Säugetieren betreibt. Was ist mit so merkwürdigen Empfindungen: „wenn ich – auf einer Brücke z.B. – in die Tiefe schaue, spüre ich ein Gefühl, ich könnte, müsste mich hinunterstürzen“. Was passiert, wenn Menschen, sich an den Füßen hängend in die Tiefe werfen (Bungee), Kontrolle eines Todestriebs, Kontrolle der Angst vor dem Tod? Was passiert in jemandem, der mit 200 km/h auf einem 140 PS Motorrad über die Autobahn rast. Ist das nicht eigentlich verrückt, Spiel mit dem Tod, Todestrieb. Das TV-Programm offeriert täglich Mord und Totschlag in Serien und Krimis, als gäbe es in der Welt nicht genug Tode. Sehnsucht nach dem Tod, nach Destruktivität ??

Freud entwickelte die Idee des Todestriebs nach dem 1. Weltkrieg und seinen Millionen Toten. Er hielt zeitlebens daran fest, auch wenn es heftige Kritik an diesem Konzept gab (besonders durch Wilhelm Reich). Und heute: siehe Vogt (2001).

Ich halte nichts vom Todestrieb. Hier mein hochwissenschaftlicher (darauf lege ich Wert) Beitrag.

Der Todestrieb saß ganz allein

bei seinem Freund

dem Stachelschwein.

„Niemand will was von mir wissen,“

„Und mich will keine liebend küssen.“

„Niemand lässt sich auf uns ein.

Auf mich den Trieb und Dich das Schwein.“

„Das ist doch klar bei meinen Stacheln, scharf und spitz!“

„Mich halten die meisten für nen schlechten Witz.“

„Ich bin wie ich bin, halt so gebaut,“

schreit nun das Schwein ganz laut.

„Ich bleibe nicht mehr ganz allein,

ein einsam traurig Stachelschwein.

Ich suche mir ne scharfe Stachelsau,

die kennt sich aus mit Stacheln – und genau

wir treiben´s dann in meinem Bau.“

Der Todestrieb schaut jetzt ganz grämlich,

das alles ist ihm echt zu dämlich.

„Ich habe wirklich gar kein Glück,

kriech besser ins analytische Konstrukt zurück.

Von Sigmund Freud nur eine Idee.

Mein Weggang tut nicht weiter weh.

Ich treff mich mit der schönen Lust,

vergess bei ihr meinen blöden Frust.

Genieße mit ihr das Leben,

der Tod ist schließlich jedem gegeben.

Braucht nicht den Trieb fürs Aus.

So bin ich endlich aus der Story raus.“

Literatur für Interessierte

Vogt, Rolf (2001): Der „Todestrieb“, ein notwendiger, möglicher oder unmöglicher Begriff? Psyche, 2001, 55 (9-10), 878-905

Fromm, Erich (1974): Anatomie der menschlichen Destruktivität. Stuttgart

Safranski, Rüdiger (1999): Das Böse oder das Drama der Freiheit. Frankfurt a.M.

Stangneth, Bettina (2016): Böses Denken. Reinbek bei Hamburg

Ein Klassiker:

Plack, Arno (1967): Die Gesellschaft und das Böse. List Verlag

Quarantäne

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Wie es ist, in Quarantäne zu kommen (Bauanleitung)

Im Prinzip gibt es zwei Möglichkeiten, um in Quarantäne zu kommen:

A. Infektion mit dem Coronavirus (Covid-19 Fall)

B. Kontakt mit einem bestätigten Covid-19 Fall (15 Min. face-to-face)

Und hier fangen schon die Feinheiten behördlicher Regularien an, was ist ein „bestätigter Fall von Covid-19“ in Abgrenzung zu einem „unbestätigten“ Fall.

Aber werden wir konkret.

Ich bin in Quarantäne als enge Kontaktperson “einer SARS-Cov-2 ausscheidenden Person“, so das Schreiben des Gesundheitsamtes A vom 23.03.2021, in dem es weiter heißt: Begeben Sie sich unverzüglich in häusliche Quarantäne. Diese ordne ich hiermit an …. für den Zeitraum 22.03.2021 bis einschließlich 03.04.2021.

Wie konnte es dazu kommen? Am Samstag 20.3. habe ich mich vormittags mit meinem Sohn getroffen, gefrühstückt und anschließend gemeinsam Aufräumarbeiten durchgeführt. Meinem Sohn ging es prima. Mir auch, denn einen Tag später habe ich um 15:15 Uhr meine zweite Impfung (Biontech). Die Freiheit winkt!!

3 Stunden nach meiner Impfung ruft mein Sohn an, es gehe ihm schlecht, Fieber, Husten und B., sein WG-Kumpel, habe Corona (Schnelltest).

Was macht man jetzt eigentlich? Muss man jemanden informieren? Wann? Wie? Die Hotline des Gesundheitsamts hat nur von 9 – 15 Uhr auf, mein Sohn ist viel zu schlapp, um noch herumzutelefonieren, hat jetzt über 39 Grad Fieber. Ich schicke ihm einen link für Montag, werde mit einem Schnelltest vorbeifahren.

Montag vormittag: der Schnelltest bei meinem Sohn zeigt eindeutig: „positiv“.

Die Meldung beim Gesundheitsamt B (sein zuständiges) gestaltet sich schwierig, weil keine „durch einen Hausarzt bestätigte Covid-19 Erkrankung“ vorliege, er müsse sich um einen PCR Test bemühen, wird ihm telefonisch eröffnet.

Hallo? Geht´s noch? Soll er jetzt krank, fiebrig, erschöpft in seinem infektiösen Zustand (warum zählt der Schnelltest nicht) durch die Stadt zu einem Testzentrum fahren, wo er sich auf eigene Kosten testen lassen soll?????

Wie geht es mit mir weiter?

Ich mache einen Selbsttest (AntiGen Test, zertifiziert, KV Berlin), bin nicht positiv.

Ich google die Nr. der Corona-Hotline des Berliner Senats.

Anruf am Montag 22.3. 14:20 Uhr. Meine Situation: 2 x Biontech geimpft, Selbsttest negativ, Kontakt mit einem durch Selbsttest diagnostizierten Covid-19 Fall. Was nun?

Der freundliche Berater: Äh Äh Äh, das wisse er in so einem Fall auch nicht. Ich möge die Tel. des zuständigen Gesundheitsamts googeln. „Aber gehen Sie besser in Quarantäne, damit Sie nicht in Schwulitäten kommen.“ (wörtlich).

Jetzt wird es zeitlich knapp, 9 – 15 Uhr hat die Hotline geöffnet. 14:45 Uhr erreiche ich einen Mitarbeiter. In dem Fall wisse er auch nicht, wie vorzugehen sei, zweimal geimpft, Test negativ, aber Kontakt zu einem Menschen mit nicht durch PCR bestätigter Covid-19 Erkrankung. Man werde mich zurückrufen. 15 Minuten später der Anruf: Sie sind mit sofortiger Wirkung in Quarantäne.

Am nächsten Tag erhalte ich schon das hochamtliche Schreiben, ich bin bis 3.4. in Quarantäne. Auf Nachfrage wird mir erklärt, dass eine Verkürzung durch einen PCR Test nicht möglich ist, dass die Impfung keine Relevanz hat.

Mein Sohn kämpft unterdessen immer noch mit dem anderen Gesundheitsamt um die „Bestätigung“, am Freitag 26.3. hat er einen Termin in der Charite zum PCR Test, es wird ihm zugemutet mit den Öffentlichen zu fahren. Ergebnis kommt am Montag 29.3.

Es geht ihm deutlich besser, er beklagt nur den Verlust von Riechen und Schmecken.

Mir geht es weiter gut. Erneuter Test: negativ.

Ich frage mich, welche Bedeutung haben die sog Selbsttests, die als Allheilmethode zur Bekämpfung der Pandemie proklamiert werden, wenn sie behördlich und lebensalltäglich gar keine Relevanz haben? Hieß es nicht mal, dass jedem Bürger pro Woche zwei Selbsttests zur Verfügung stehen sollen?

Wie habe ich das einzustufen, dass ich aufgrund eines „nicht bestätigten“ Covid-19 Falls in eine bestätigte Quarantäne gerate (mit all den entsprechenden Folgen – kann nicht arbeiten usw). Kommunizieren die Ämter eigentlich untereinander?

Es ist offenbar einfacher, mit lockdown und Quarantäne zu operieren, als die Impfung (und die Testung) voranzutreiben.

Und als kleiner Clou:

Am Montag erhielt ich meinen Impfcode. Zum zweiten Mal. Benötige ihn nicht. Ebay???

Schnauze voll

Standard

Vorbemerkung: Ich bin kein Wutbürger oder Querdenker, aber es reicht langsam. Den Fehler der Bundeskanzlerin bezüglich der Oster Regelung (hat sie wohl nicht allein gemacht) und die anschließende Entschuldigung laufen bei mir unter „kann passieren“, der Entschuldigung bringe ich Respekt entgegen, wann kommt das schon mal vor, dass sich ein(e) PolitikerIn entschuldigt. Die widerliche Häme der AfD in diesem Fall ist abstoßend. Dieser braune Ekelhaufen von Fliegenschissern hat gar kein Konzept.

Aber jetzt muss mal bei mir Ärger nach draußen, sprich TEXT:

Wir sollen aufhören zu meckern, wir sollen zufrieden sein, wir sollen mehr Dankbarkeit zeigen. Wobei? Bei der Pandemie selbstverständlich, präziser bei der Bewältigung der Corona Pandemie in Deutschland. Ich bin nicht dankbar, keineswegs, mir platzt der Kragen, ich bin sauer, wütend, habe direkt gesagt „die Schnauze voll“. Ich sehe Murks, Bürokratiewahn, Verpeiltheit, Ignoranz bei den politisch Verantwortlichen. Aber der Deutsche – darf man das sagen – ist ja brav, geduldig, duckt vor der Obrigkeit. Ein paar Querdenker lasse ich mal weg, eine verschwindend kleine Gruppe mit z.T. schwachsinnigen und gefährlichen Ideen (von Reptiloiden bis zum Ausrufen des Deutschen Reichs).

Worüber bin ich sauer? Darüber selbstverständlich, dass das Impfen und Testen dermaßen schleppend voran geht. Wenn ich lese, dass unser unfähiger Verkehrsminister Andi Scheuer (das ist der, der bei der Maut mal eben 76 Millionen Euro verpulverte, Forderungen von 560 Millionen stehen noch aus) und der ehemalige Bankangestellte Jens Spahn eine Task Force zum Testen bilden, könnte ich laut schreien.

Immerhin war Herr Spahn organisiert genug, sich in diesen schwierigen Zeiten eine 4,5 Mio Euro Villa zu kaufen. Jetzt bitte kein bescheuertes Argument, dass sei nur Sozialneid. Diesen unendlich dummen Begriff kann ich auch nicht mehr hören. Er beinhaltet die Leugnung der Schere zwischen Arm und Reich und die immer stärkere ökonomische Spaltung in der Gesellschaft (empfehle: Anna Mayr: Die Elenden. Warum unsere Gesellschaft Arbeitslose verachtet und sie dennoch braucht. 2020. Und Julia Friedrichs: Working Class. Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können. 2021). Von mir aus kann sich der Gesundheitsminister so viele Villen kaufen wie er mag. Aber zum jetzigen Zeitpunkt, wo Existenzen zugrunde gehen, freischaffende KünstlerInnen darben, Familien in existentieller Not sind und grübeln müssen, wie sie für ihre Kinder neue Klamotten bezahlen können, Menschen sich aus Verzweiflung über ihre prekäre Situation umbringen, ist es zumindest geschmack- und schamlos mit seiner Villa daherzukommen.

Aber Scham ist in der PolitikerRiege ja ein seltenes Phänomen. Was denkt sich jemand dabei, wenn er seine Position als Abgeordneter ausnutzt und 650 Mio Euro Provision für ein Maskengeschäft einsackt?

Aber sie haben es auch wirklich schwer, unsere Abgeordneten: https://www.youtube.com/watch?v=bhqJMkI5I0Q

Ich kann es auch nicht mehr hören, wenn auf das Argument, in Dänemark geht das mit dem Impfen schneller, sehr sehr viel schneller, die Antwort kommt, das seien ja auch nur 5 Millionen Dänen. Hallo??? Aufgewacht! In Deutschland gibt es 83 Millionen Einwohner, ich gehe mal davon aus, dass bereits 2019 diese Zahl bekannt war und wir haben schließlich auch eine entsprechende Infrastruktur, die ist im Gesundheitssektor vorhanden, UND JA der ist verbesserungsbedürftig, er muss dringend KORRIGIERT werden, weil eine aufgeblähte hirnrissige Dokumentationsbürokratie entstanden ist, weil kontrolliert wird und kontrolliert wird und kontrolliert wird. Von der Wiege bis zur Bahre tausend Formulare – der Spruch ist nicht umsonst entstanden. Flexibilität und Pragmatismus sind Fremdworte.

Es gibt in Deutschland 5,6 Millionen BürgerInnen über 80. Warum sind die noch nicht geimpft? Das ist doch die sog. Hauptrisikogruppe, überwiegend deretwegen der Lockdown vorgenommen wird. Ach ja, es gibt nicht genügend Impfdosen. Richtig. Kann mir jemand mal erklären, warum nicht bereits im Sommer letzten Jahres bestellt wurde? Die erforderliche Anzahl an Dosen war doch bekannt, die Bevölkerungszahl ist nicht plötzlich in die Höhe geschnellt, die Größe der Risikogruppe hat sich nicht verändert, die Gesamtzahl der BürgerInnen nicht explodiert.

Warum schaffen das andere Länder? Ach ja, die EU ist schuld. Merke: Im Zweifel ist immer die EU schuld. Verantwortung übernimmt niemand, es sind immer die anderen. So entsteht eine hilflose Wut. Niemand kann für gar nichts. Und alles ist alternativlos (mein Hasswort). Und meckern ist Pfui. Immer schön brav und still sein, anderen geht es noch schlechter. Ein Totschlagargument. Und ich werde den Verdacht nicht los, dass am ehesten die, die keine gravierenden Einschnitt in ihren Lebensalltag erleiden, die nicht ausrechnen müssen, ob sie sich noch ne Tasse Kaffee leisten können, die nicht jeden Cent umdrehen müssen, die nicht wissen, wie sich eine schlaflose Nacht anfühlt, weil man nicht mehr die Miete bezahlen kann, dass die am ehesten feingeistig, abgeklärt und gaaaanz erwachsen zur Mäßigung aufrufen. Oder das blöde Argument bringen, ob man denn eine Diktatur haben will. Nein, will ich nicht, ich will eine Verwaltung und Politik, die funktioniert, die nicht ausufert. Poetisch ausgedrückt: Ich möchte, dass der parasitäre Schmarotzer Bürokratie am Arsch der BürgerInnen sich vom Furunkel in einen normalen Pickel reduziert.

Ich muss nicht dankbar sein, wenn jemand seinen Job macht. Ich bin allerdings dankbar für alle, die im Versorgungssystem schuften und schuften. Händeklatschen reicht nicht, eine anständige Bezahlung muss sein.

Und schon geht es weiter: Kann mir jemand mal erklären, warum nicht bereits im Sommer Luftfilter in den Schulen angebracht wurden, warum nicht ausgearbeitete Stundenpläne mit Klassenteilung usw entwickelt wurden? Hat sich die Anzahl der Schulkinder plötzlich vermehrt? Warum werden Elterninitiativen (wie in Berlin), die eigenständig Luftfilter anbringen wollen, sogleich gestoppt. Geht nicht, haben wir nicht, so nicht, der Antrag, die Behörde, die gesetzlichen Vorgaben, der Dienstweg, Formular 234.567, da könnte ja jeder kommen.

Warum gibt es nicht genügend Tests für den Schulbetrieb. Was ist aus den kostenlosen Tests für alle geworden?

Und ein weiteres Argument kann ich auch nicht mehr hören: Es liegt am Förderalismus. Da ist was dran, weil jede LandesfürstIn ihren eigenen Kram macht. Aber: trotz Förderalismus gibt es genügend Lebensbereiche, die länderübergreifend funktionieren. Wenn der Staat seine Steuern einsacken will, scheren ihn keine Ländergrenzen. Wenn ein Versicherter mit seiner Krankenkassenkarte zum Arzt geht, kann der Bayer das in NRW machen oder der NRWler in Sachsen usw. Und es gibt sehr wohl Ausnahmen, Menschen, Politiker, die einfach machen, trotz Föderalismus! Man schaue sich die Aktivitäten in Tübingen oder Rostock an. Und wie schaffen das die USA mit ihren 50 Bundesstaaten?

Und jetzt dürfen endlich die Hausärzte ran. Wow. Das ist ja ganz neu, es gibt Hausärzte in Deutschland. Die können seit Jahren sogar impfen!! Diese Tatsachen war doch wohl schon letztes Jahr bekannt. Wahrscheinlich musste eine Task Force erst einmal überprüfen, können die das überhaupt, gibt es entsprechende Formulare.

Und verstehen kann ich die Regulierungen eh nicht. Wieso kann jemand von Berlin aus nach Mallorca fliegen, zurückkommen und es gibt keinen Test und keine Quarantäne, aber an die Ostsee fahren zum Urlaub, das geht nicht?

Einige andere Themen lasse ich jetzt mal weg, z.B. die Behandlung der Profifußballer und die Unterstützung des Profifußballs. Nun gut, man muss das verstehen, es ist ja einem Star wie Thomas Müller nicht zuzumuten nach positiver Testung in Katar in Quarantäne zu bleiben, da muss der Privatjet her, damit er in München kuscheln kann.

Die Corona-Krise dominiert seit nunmehr einem Jahr das Weltgeschehen. Dabei hat die Pandemie nicht nur gesundheitliche Auswirkungen – auch wirtschaftliche. Doch gibt es nicht nur Verlierer, die in finanzielle Nöte geraten sind. Begünstigt durch das Gesundheitsministerium gibt es ganze Branchen, die davon profitieren. Dazu gehören offenbar auch deutsche Apotheken, wie eine Recherche der öffentlich-rechtlichen Sender NDR und WDR in Zusammenarbeit mit der SZ ergibt. Dem Bericht zufolge haben Pharmazeuten dank eines überteuerten Deals wesentlich mehr Geld von der Bundesregierung erhalten, als die Beschaffung der Corona-Schutzmasken gekostet hat. Entscheidend dafür sei eine umständlich umgesetzte Ausgabe der FFP2-Masken durch Apotheken, obwohl gleiche Produkte im Einzelhandel wesentlich günstiger gewesen wären. Und so hat Jens Spahn die Apotheken mit 491, 4 Mio Euro überschüttet (ca 25.000 Euro pro Apotheke). Motto: Die Apotheken verdienten sich dumm und dämlich.

In anderen Bereichen ist das behördliche Verfahren über eine Erstattung von Verdienstausfall so kompliziert, dass selbst Steuerberater verzweifeln. Geht´s noch?

Wahrscheinlich war es viel einfacher, einige Milliarden an Lufthansa und TUI zu verschieben.

Über die schwachsinnige CoronaApp will ich mich jetzt nicht auch noch ereifern. Wirkungslos, teuer (69 Mio Steuergeld), wie heißt es: „Die CoronaApp ist das Mautdesaster von Jens Spahn“.

Berlin kauft jetzt die Luca App für 1,2 Mio , die bei der Kontaktverfolgung das leistet, was die CoronaApp nicht kann.

Und ein kleiner Witz zum Schluss. Die Gesundheitsverwaltung Berlin fordert die Testzentren auf, die Corona-Testbescheinigung händisch auszufüllen. „Dazu Nikolai von Schroeders, Arzt und Leiter der Teststelle Kitkat (Köpenicker Straße/Brückenstraße): „Der Hammer ist, dass wir das Testat nun handschriftlich ausfüllen sollen. Das dauert deutlich länger und sorgt dafür, dass sich wartende Menschen ansammeln. Wenn ein Kunde sein Attest digital haben möchte, sollen wir das händisch ausgefüllte Blatt Papier scannen und mailen. Wir speichern unsere digitalen Atteste natürlich verschlüsselt und unzugänglich. Nun sind wir auf dem Weg zurück ins 18. Jahrhundert!“ (Tagesspiegel Checkpoint vom 20.03.21.

Wie wäre es mit Corona Brieftauben??? Oder Rauchzeichen???

Wann werden wir mit der Pandemie halbwegs klar kommen? 2022, 2023?

Persönliches:

Ich bin geimpft (bereits das 2.Mal). Biontech. Lief über KV Berlin. Das hat alles gut geklappt.

ABER: ich habe erneut einen Impfcode erhalten. Durch die Gesundheitssenatorin. Offenbar kommuniziert das Impfzentrum nicht mit der Senatsverwaltung für Gesundheit.

Wie wäre es mit reitenden Boten? Handschriftliche Zettel per Post, die Briefmarke nicht vergessen?

Das musste jetzt mal raus!!!!!!!!!!!