Ein bewegender Abend

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Als das Licht im Saal des Konzerthauses in Berlin langsam ausgeht und die jungen Menschen die Bühne betreten, kommen mir die Tränen. Kinder und Jugendliche aus der Ukraine, das Youth Symphony Orchestra, im Alter zwischen 12 und 22, in den Händen ihre Musikinstrumente, bereit für das Konzert während in ihrer Heimat Menschen erschossen , Kinder von Bomben zerfetzt werden, die Eltern angstvoll im Luftschutzkeller sich ducken. Manche sind geflohen ohne ihr Instrument, das vielleicht gerade von einem Soldatenstiefel zertreten wird oder im Schutt eines Wohnhauses zertrümmert liegt. Spielen, während die männlichen Orchestermitglieder über 18 Jahre eine Waffe in der Hand halten, um sich und ihr Land zu verteidigen.

Kann man da innerlich ruhig sein, dürfen da nicht Tränen fließen angesichts dieser ungeheuerlichen Situation des Grauens. Und ja, für mich sind diese jungen Menschen die Hoffnung, die Zukunft, das Versprechen einer besseren Welt.

Ich bin ein alter Mann, bin 75 und stehe nicht für die Zukunft, wirklich nicht, ich kann was tun, dass die Zukunft besser wird, aber ich habe im Vergleich nicht mehr viel Zeit, vielleicht sind es noch 10 oder gar 15 Weihnachten, die ich erleben werde, eine überschaubare Zahl.

Doch da sitzen sie auf der Bühne, diese jungen Gesichter, die einen anlächeln, die begeistert sind, die gut spielen, sehr gut spielen. Sie lassen mich glauben an eine bessere Welt, sie setzen ein Signal gegen das Grauen, gegen Unmenschlichkeit, gegen Finsternis, Musik, die uns verbinden kann, die unsere Herzen erreicht.

Ein weites musikalisches Spektrum bieten sie an, von Joseph Haydn über Strawinsky bis Torelli, und sie spielen auch Paul Hindemith, gegen den die nationalsozialistischen Barbaren ein Aufführungsverbot verhängten. Jetzt droht in Moskau Putin, der sich anheischt, die Dekadenz des Westens zu bekämpfen, nur zu bekannte widerliche Phrasen.

Gleich das erste Stück nach dem Divertimento von Joseph Haydn ist die Abendserenade von Valentin Silvestrov (2002), in den zarten, verhaltenen und intensiven Klängen sehe ich die Sonne untergehen über zerbombte Häuser, Abendlicht spiegeln in zerborstenen Fensterscheiben, Tote auf den Straßen. Muss man da nicht weinen, möchte man da nicht schreien, ersticken an der eigenen Hilflosigkeit. Und dann im Flötensolo von Edgar Varèse „Density“ gebannt dieses Zerrissene spüren, der Schrei, die Stille, die Atemlosigkeit und auch die Schönheit.

Arvo Pärt´s Stück für Streichorchester „Orient & Okzident“ ist wie ein Versprechen. Darum geht es doch, Überwindung des Trennenden, der scheinbaren Kluft, anerkennen, dass wir doch alle Menschen sind, atmen, leiden, lieben.

In der Mitte des Konzerts erheben wir uns, eine Schweigeminute für die Opfer des Krieges.

Was für ein Gefühl, wir sitzen hier in der Stille des Konzertsaals, sicher, geborgen, geschützt. Und wenige Stunden entfernt wird vernichtet und gestorben.

Ich glaube an die Kraft der Musik, die uns verbinden kann. Uns alle.

Großartig habt ihr gespielt.

Danke, Danke, Danke an die jungen MusikerInnen.

Mitleid mit den Reichen

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Habt Mitleid mit den Reichen, den Wohlhabenden (welch wunderbares Wort „wohl – habend“) in unserer Gesellschaft. Die Bedauernswerten haben es wirklich nicht leicht. Nehmen wir als Beispiel das Wohnen. Seit langem wird geklagt über die schwierige Lage auf dem Wohnungsmarkt, Menschen suchen verzweifelt nach einem Zuhause, Familien können Mieten nicht mehr bezahlen usw usw. Ich will diese Jammerarie nicht weiter fortführen. Das Problem, einen Ort zu finden, wo sie ihr edles Haupt lagern können, haben natürlich auch die wohlhabenden Menschen in diesem unserem Lande. Verfolgt und belästigt von Sozialneid, suchen sie nach einer angemessenen Wohnmöglichkeit. Nicht immer stehen Villen leer und noch viel seltener entsprechen die Normalwohnungen den Ansprüchen solcher MitbürgerInnen. Sie brauchen schließlich ein wenig Komfort, Luxus, ein angemessenes Ambiente, man will ja nicht wie das gemeine Volk hausen.

Aber mit dem nötigen Kleingeld lässt sich auch in Berlin eine adäquate Wohnmöglichkeit finden.

„Gentrifizierung“ ist das übel klingende Wort für eine derartige Aufwertung eines Viertels. Ärgerlicherweise wird dem oft Widerstand entgegengesetzt. Habt Mitleid mit den Reichen!!! Die wollen schließlich auch entsprechend ihrem Vermögen und sozialen Status existieren.

Ein gutes Beispiel ist die Dortmunderstr. 14 in Berlin-Moabit. Da wird jetzt in eine Baulücke ein exquisites Haus gesetzt, die Wohnungen stehen zum Verkauf (2 Zi Wohnung ab 510000 Euro, Preise bis knappe 2 Millionen).

„Unsere Baulücke fordert förmlich, mit einem ebenso großzügigen und schönen Bauwerk gefüllt zu werden.“ verkündet der Architekt Tobias Nöfer (https://eigentum.the-flaneur-berlin.com/).

Und der Begriff „Unsere“ Baulücke ist durchaus zutreffend, der werte Herr Architekt und sein Konsortium (THE FLÂNEUR – Finest living on the riverside) haben die Baulücke einfach geschaffen, indem das dort stehende ganz normale Mietshaus innerhalb weniger Tage abgerissen wurde. Eine schlichte Idee, ein normales Mietshaus, in dem der gemeine Pöbel vegetiert, wird durch einen Luxusbau ersetzt.

Man sieht in Berlin bedarf es gar keiner Bomben von Putin, im Handumdrehen entsteht eine Baulücke, die dann gefüllt wird. Nein, natürlich nicht für das gemeine Volk. Das kann sich Kaufpreise über 10000 Euro pro qm gar nicht leisten. Reiche Menschen müssen schließlich auch irgendwo wohnen können.

Die vorherigen MieterInnen in dem Haus hat man vermutlich rausgeekelt, es gibt doch auch genügend Plattenbauten, wo die unterkommen können. Entschuldigung, das war jetzt eine bösartige Fantasie, die MieterInnen wurden sicher großzügigst entschädigt, hervorragend untergebracht, Fläschen Schampus noch zum Abschluss, Übernahme der Umzugskosten, diverse Wohnungsangebote und mit dem Rolls Royce zur neuen Wohnung kutschiert. Denn jetzt lockt für THE FLÂNEUR ja der fette Profit.

Und da soll noch mal jemand sagen, Berlin schafft keinen Wohnraum.

Das ist die BAULÜCKE, die der Architekt Nöfer erst geschaffen hat, um sie dann gewinnträchtig zu füllen.

Zum Glück gibt es andere Architekten, die nicht lediglich auf Profit aus sind und langweilige Nullachtfünfzehn Bauten produzieren, sondern „Bauen, was die Menschen brauchen“. Hier ist der afrikanische Architekt Diébédo Francis Kéré zu nennen (ausführlicher Artikel im Tagesspiegel vom 19.03.2022). Architekten wie der Herr Nöfer kennen offenbar nur einen Wert: Profitmaximierung. Ekelhaft.

Siehe auch: https://www.tagesspiegel.de/berlin/berliner-zweckentfremdungsverbot-bezirksamt-muss-abriss-von-wohnungen-genehmigen/24949594.html

Wie das abgerissene Haus vorher aussah, kann man auch hier sehen, keinesfalls eine heruntergekommene Bruchbude. https://www.architektur-urbanistik.berlin/index.php?threads/dortmunder-stra%C3%9Fe-14-n%C3%B6fer-neubau.1114/

Und so wirbt THE FLANEUR für die 19 Eigentumswohnung:

Am wunderschönen Ufer der Spree, angesiedelt im charmanten Westfälischen Viertel, erwartet Sie das Neubau-Wohnensemble THE FLÂNEUR mit hochwertigen Eigentumswohnungen und einem Penthouse mit sechs Zimmern auf 324qm und einem wundervollen Blick auf die Spree. Alle Einheiten verfügen über eine liebevoll kuratierte Ausstattung samt Fischgrätparkett und einen Balkon oder eine Terrasse mit Garten. Die Eigentumswohnungsgrößen liegen bei ein bis vier Zimmer auf circa 44 bis 163 Quadratmeter. Dank der einmaligen Wasserlage genießen die Bewohner des Vorderhauses zum Teil einen unvergleichlichen Blick auf die Spree. Die einladende Hofanlage, der Gemeinschaftsgarten, ein Aufzug und eine Tiefgarage runden das Gesamtkonzept harmonisch ab. Ab Q2/2024 ist das Ensemble bereit für Ihren Einzug.

Aber Bauen in Berlin war schon immer ein skandalträchtiges und äußerst profitables Unterfangen. Man erinnere an die Garski Affäre in den 80igern, bei der Steuergelder in der Höhe von über 100 Millionen DM in den saudi-arabischen Wüstensand gekippt wurden. Diesem Skandal folgten viele weitere dubiose Geschäfte. Heute ist die Umgestaltung von Kiezen durch geldgierige Unternehmen ausreichend legalisiert. Man könnte kotzen.

Zeitenwende?

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10. Oktober 1981 Hofgarten Bonn. 300000 Demonstrierende aus ganz Deutschland, nein aus der BRD, aus Wessiland (Berliner Sicht). Gemeinsam gegen die atomare Bedrohung, gegen den Nato Doppelbeschluss.

Natürlich war ich dabei.

Wir sangen „Aufstehn!“ mit den bots und „das weiche Wasser bricht den Stein“.

Ich weiß nicht, auf wie vielen Demos ich war.

„Frieden schaffen ohne Waffen“, „Schwerter zu Pflugscharen“, „Stell Dir vor es ist Krieg und keiner geht hin“ und am Auto klebte die Weiße Friedenstaube auf blauem Grund, das war meine Wirklichkeit. Bei der Einfahrt in die DDR wurden wir rausgewunken, alles wurde durchsucht, der Aufkleber „Schwerter zu Pflugscharen“ musste abgekratzt werden, die weiße Taube durfte bleiben, weiterfahren bitte.

„We shall overcome – some day“, die klare Stimme von Joan Baez. Ach, das war schön, das war gemeinsam, das war Gänsehaut. Ist das jetzt falsch? Romantisierende Spinnerei? Weil die Welt ganz anders ist, brutaler, mitleidloser, pazifistischer Quatsch weggefegt wird.

Ukraine – ist das die große Wende, Zeitenwende?

Ich habe mich nie als Pazifist bezeichnet. Ich hab´s nicht mit diesen Etikettierungen. Irgendwie habe ich mich an der Frage vorbeigeschummelt.

Nein, klar doch, Krieg ist einfach nur Scheiße. Aber ich kannte ja auch gar keinen Krieg. Ich kannte Erzählungen meiner Eltern, meine Mutter, die von ihrer Angst erzählte, wenn sie durch die Gassen meiner Heimatstadt hetzte und über ihr der Tiefflieger versuchte sie abzuschießen, mein Vater, der als 16jähriger Flakhelfer war und abends so zitterte, dass er den Löffel nicht halten konnte und die Suppe danebenpladderte. Geschichten eben.

Krieg – das war natürlich Vietnam. Da war ich gegen die Amis. „Ho Ho Ho Tschi Min“ – habe ich mitgerufen, mit flauem Gefühl, weil ich so richtig auch nicht Bescheid wußte, aber dass die Amis da Napalm abwarfen, war ja wohl klar eine Schweinerei.

Natürlich kannte ich Bilder vom Krieg aus dem Fernsehen und selbstverständlich aus dem Kino: „Apokalypse Now“ – großartig. „Full metal jacket“ – faszinierend. Da saß ich bequem im Sessel des Kinos.

In Berlin habe ich studiert. 1966.

„Wohl vor der Bundeswehr gedrückt!“ Nein, war gar nicht nötig, die Bundeswehr wollte mich gar nicht, zu schlechte Augen. Ich musste mich gar nicht bekennen, nicht entscheiden, ob ich verweigere, zu der Zeit noch kompliziert.

Die Zeit der RAF damals, die Zeit der klammheimlichen Freude angesichts der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback, irgendwie so ein bisschen Zustimmung, nein eigentlich doch nicht. Ich war gegen Gewalt.

Pazifist? Wahrscheinlich hätte ich auf die Frage geantwortet, dass ich pazifistische Gedanken gut finde.

Soldaten fand ich lächerlich. Hampelmänner. Dieses blöde Getue mit „richtig grüßen“, „jawohl, Herr Unterfeldwebel“, diese alberne Hierarchie, diese Sandkastenspielerei.

Menschen, die den Polizeikorpus verinnerlicht hatten, ekelhaft. Das war „Der Untertan“ von Heinrich Mann, großartig Werner Peters in der Hauptrolle. Das war nicht meine Welt. Soldaten, Uniformen, Befehle mit Gebrüll, alles abstoßend.

Und jetzt? Mit einem weißen Fähnchen sich vor einen russischen Panzer stellen? Lächerlich. Sind die Panzer in Peking 1989 beim Tian’anmen-Massaker nicht einfach über die Demonstrierenden gerollt?

„We shall overcome“ – aber wann.

In einem Projekt der Theatergruppe „Rimini Protokoll“ übernahm ich in einer Sequenz die Rolle eines Waffenlobbyisten, saß hinter einem dicken Schreibtisch, spürte das Geld und die Macht, diskutierte mit einer Pazifistin und fühlte mich unendlich überlegen mit dem Gedanken „Du kleine Schwätzerin, Du hast doch keine Ahnung, wie die Welt wirklich ist, letztlich habe ich die Macht“.

Hatte ich bisher keine Ahnung, wie die Welt wirklich ist?

Und immer habe ich das „Vorletzte Lied“ von Georg Kreisler geliebt

(https://www.youtube.com/watch?v=dXpWdhEy0jI.

Vorletztes Lied

Es hat keinen Sinn mehr, Lieder zu machen,
statt die Verantwortlichen niederzumachen.
Es hat keinen Sinn mehr, Worte zu wählen.
Die Zeiten sind vorbei.

Es hat keinen Sinn mehr, Lacher zu sammeln,
statt ein paar tatkräftige Macher zu sammeln.
Es hat keinen Sinn mehr, Reime zu schmieden.
Die Zeiten sind vorbei.

Es hat keinen Sinn, den Zug zu versäumen
oder von zukünftigen Taten zu träumen.
Schlagt die Pointe entzwei!
Sie macht unsre Kinder nicht frei.

Es hat keinen Sinn, ins Blaue zu schießen,
statt einem Reichen auf die Klaue zu schießen.
Es hat keinen Sinn, auf Sprache zu bauen.
Die Zeiten sind vorbei.

Vergeßt unser Hoffen, begrabt unser Trauern!
Lasst euch die Zukunft nicht durch Sänger versauern!
Wenn sich der Dichter verneigt,
besorgt eure Sache und schweigt.

Erfüllt sie mit Furcht, die hassen und lachen!
Laßt die Komödien zum Leben erwachen!
Es hat keinen Sinn mehr, Lieder zu machen.
Die Zeiten sind vorbei.
Die Zeiten sind vorbei.

     [Georg Kreisler: Vorletzte Lieder. Preiser 1972.]

Jetzt zucke ich zurück. Ich stimme zu und bekomme es mit der Angst. Ich bin doch gegen diese geifernden Falken mit ihren Sprüchen von „zurückschlagen“, „harte Kante“, „durchgreifen“… Ich sehe die leidenden Menschen, die weinenden Kinder, die zerstörten Häuser. Ich werde nur noch traurig.
Meine grundsätzliche Haltung zur Welt hat sich durch die Ukraine nicht verändert. 
Ganz und gar nicht.
Ich halte Putin für einen Verbrecher, aber auch Xi JingPin, Bolsonaro, Assad und wie sie alle heißen, fürchte Donald Trump mit seinem Gegeifer. Muss aber anerkennen, dass hinter ihm Menschen stehen, die ihn großartig finden (mit denen will ich nichts zu tun haben). 
Wieviele aus meiner Sicht verblendete Russen stehen hinter Putin? 
Putin hat Deutschland immerhin geeint, keine Spaltung zu bemerken. „Wir“ sind alle gegen den Psychopathen, klar doch. 
Ich weiß jedoch nicht mehr, welches Handeln ich gut heißen soll. 
Und was ich selber bereit wäre zu tun.






Ukraine – Dialog

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Ich habe gerade deinen Blogeintrag „Das muss mal raus“ gelesen.

Zurecht bist du angewidert, entrüstet, angekotzt und möchtest schreien.

Du hast viel über den patriarchalen Machismus geschrieben. Was Femizide betrifft hast du natürlich vollkommen Recht damit, aber was Kriege betrifft ist aus meiner Sicht die Sache noch komplizierter.

Keine Frage, die Situation ist sehr komplex. Mich nerven derzeit die vielen öffentlich ausposaunten Meinungen von „Experten“. Ähnelt den vielen „Virologen“ Kommentaren bei Corona. Es gibt jetzt auch Ukraine-Sticker.

Natürlich sind die meisten Urheber von Kriegen bisher immer Männer gewesen, da es niemals je ein mächtiges Matriarchat gegeben hat.

Und du hast auch Recht damit, dass Führerschaft etwas zutiefst patriarchales zu sein scheint.

Putin ist zweifellos ein patriarchaler testoteron-gesteuerter  Macho, aber viel eklatanter scheint mir sein Napoleonkomplex gepaart mit Größenwahn, Sadismus und unbedingtem Machtwillen um jeden Preis zu sein. Er ist offenbar ein Psychopath und hat das ja seit Jahren geplant und sogar immer wieder in anderen Ländern getestet wie weit er gehen kann.

Es ist relativ einfach, Putin zu „labeln“. Was soll Napoleonkomplex sein, das bezieht sich auf seine Körpergröße, die er kompensieren will? Donald Trump, unser geschätzter Führer der Freien Welt, gilt ja auch als psychopathischer Größenwahnsinniger. Was ist mit Assad, mit Lukaschenko, Kim Jong-un, Xi Jinping usw. Ich denke, dass allen die Fähigkeit der Empathie fehlt. Andererseits, wie stehen wir eigentlich da? Wo ist unser Mitgefühl mit den Hungernden und Verfolgten dieser Welt?

Man kann sich einfach nicht vorstellen, dass ein normaler Mensch dazu fähig ist, so zu agieren.

 Was ist ein „normaler Mensch“? Ich glaube, der sog „normale Mensch“ ist zu fast allem fähig. 

https://www.zdf.de/dokumentation/dokumentation-sonstige/ganz-normale-maenner-der-vergessene-holocaust-104.html und https://www.arte.tv/de/videos/RC-022134/rottet-die-bestien-aus/

Hitler hat es damals genauso gemacht und auch er hat sein Volk mit Propaganda zugemüllt.

Ja, inzwischen haben viele Diktatoren davon gelernt

Wir haben Putins Handeln seit Jahren indirekt immer wieder belohnt.

Wer ist WIR????????? Ich fühle mich nicht als Teil dieses WIR. Ich fühle mich eher hilflos und ich weiß auch nicht, was das RICHTIGE ist.

2008 Überfall auf Georgien, 2014 Annektion der Krim, Auftragsmorde in Großbritannien, Wagner-Söldner in Mali, Unterstützung von Assad, Auftragsmorde in Deutschland, Mordanschlag auf Navalny, Gefängnis für Pussy Riot, Medienkontrolle, Beeinflussung von freien Wahlen in den USA, Unterstützung von Lukaschenko. Die Liste ist sicher noch viel länger. Es gab ein paar lächerliche geringfügige Sanktionen, die der russischen Elite nicht geschadet haben.

Also härter zurückschlagen, härter eingreifen? Wie??? Das verkennt, dass die russische Elite Teil des Turbokapitalismus ist und Deutschland ist ein Teil dieses kapitalistischen Systems, das nur EINEN Wert kennt: Profit. Und ich will jetzt nicht die Liste der Eingriffe der sog „freien Welt“, insbesondere der USA, benennen.

Wir haben ihm alles mit Appeasement durchgehen lassen! 

Was ist das denn für eine Vorstellung? Wie hätten „Wir“ ihm etwas nicht durchgehen lassen können? Angesichts der Wahl von Donald Trump haben „wir“ doch auch gemerkt, wie hilflos „wir“ sind. Was ist mit Syrien? Mit den FolterFlüchtlingslagern in Libyien?? „Wir“ lassen alles „durchgehen“, solange es der Wirtschaft nutzt. Inclusive der Zerstörung der Erde durch die Klimakatastrophe.

Eine prosperierende Wirtschaft nach westlicher Art wird ihn schon überzeugen von einem Demokratischen Miteinander, glaubten wir.  Einige, wie Sahra Wagenknecht, oder der Altkanzler Schröder glauben es offenbar immer noch. Wenn ich an Schröders Spruch, denke, „die Ukraine solle das Säbelrasseln lassen“, dann wünschte ich mir, dass auch sein Vermögen von 20 Millionen sofort eingefroren wird.

Ich finde die Aussagen unseres AltKanzlers auch unsagbar dämlich und ärgerlich. Aber Vermögen einfrieren? Durch wen? Durch den Staat, der jetzt mal eben 100 Milliarden der Waffenindustrie zuschiebt. Mit der ehemaligen PazifismusPartei „Die Grünen“ als Unterstützerin.

Noch nach 2014, nach der Annektion der Krim, wurde Nordstream 2 auf den Weg gebracht und zwar schon damals in dem Wissen, dass wir damit der Ukraine schaden würden und uns weiter abhängig machen von Russischem Gas.

Ich sage nur: Money makes the world go round. https://www.youtube.com/watch?v=cpbbuaIA3Ds

Putin hat jahrelang nur abgewartet, dass die Ukraine ihre Atomwaffen verschrottet und abrüstet und dass der Westen militärisch schwach genug ist.

Das ist mir zu simpel. Ich glaube, es ist ein Prozess, an dem der Westen sehr wohl beteiligt ist.

Ich las, dass er seinen Angriff angeblich wegen Olympia auf Bitten von China um ein paar Tage verschoben habe,  weshalb die Einmarschwarnung der USA ein früheres Datum angab. Wenn das stimmt, war China also informiert und China ist  ein weiteres mächtiges Problem, bei dem man das gleiche Appeasement betreibt.

Keine Ahnung. Kann sein, kann nicht sein. Das Fatale ist, dass ich das jederzeit für möglich halte. Ein Signum für die  Verrottung der politischen Verhältnisse. Wenn jemand sagen würde, die Waffenlobby habe Putin eine fette Summe Dollars überwiesen, damit die Produktion dank Krieg wieder prosperieren kann, würde ich es nicht ausschließen. Andererseits brauchen die das nicht. Moralische Bedenken haben die sicher nicht.

Jahrzehntelang wurden Deals mit Oligarchen gemacht und die Finanzwelt hat kräftig an den russischen oligarchischen Putin-Unterstützern verdient. Die halbe Innenstadt Londons gehört diesen Leuten, die andere Hälfte den Saudis oder Katar.

Also nix gegen KATAR. Da wird doch die Fußballweltmeisterschaft ausgetragen. Und Fußball ist doch das Wichtigste. Dafür nehmen „wir“ doch alles in Kauf (die Toten beim Bau der Stadien, die Repression von Frauen usw).

Das alles müsste schnellstens konfisziert werden,- auch die Häuser der Saudis und Katar.

Träum weiter!

Der größte Teil ist aber in Steueroasen. Mit unserer florierenden globalen Finanz-und Wirtschaftsindustrie schaffen wir systematisch die Demokratie im Westen ab. Das scheint auch von der Politik der Demokratien so gewollt, denn sonst würden wir Steueroasen und Geldwäsche nicht zulassen. Die Finanzjongleure flüchten in Dollar, Yen, Gold, Kryptowährungen und in Steueroasen. Die Bevölkerung der Demokratien werden damit jetzt auch finanziell weiter enteignet. Nur die Supereichen können auf die Malediven und in andere Steueroasen überleben.

Das sehe ich genauso. Nur müssten dann die, die von diesem System profitieren, es selber abschaffen. Die sitzen aber an den politischen Schalthebeln und haben kein wirkliches Interesse.

Militärisches Aufrüsten erscheint nun unabdingbar, aber wird die Finanzwelt und die Wirtschaft aufhören Geschäfte mit Diktaturen zu machen? Wenn Menschenrechte uns tatsächlich etwas Wert sind müssen sämtliche Geschäfte mit Unrechtsregimen verboten werden und das muss kontrolliert werden.

Tja, müsste müsste müsste müsste…

Ein einziger Größenwahnsinniger tötet Kinder, Frauen, Männer mit ekelhaftesten Waffen im Nachbarland und sein Volk fragt: „Krieg, welcher Krieg?“ weil man ihm Lügen auftischt. Es ist kaum zu ertragen, da zuschauen zu müssen und sich nicht ein zu mischen.

Ich sehe und empfinde das genauso. Andererseits empfinde ich mich als heuchlerisch. Wo ist z.B. unsere Empörung und unser Mitempfinden mit den Frauen in Afghanistan. Das waren doch irre Bilder, wie Menschen sich an die Flugzeuge klammerten und aus der Höhe abstürzten. Ist medial nicht mehr präsent. Wo sind WIR??????

Die Aktivisten von Anonymous müssten es dringend schaffen dauerhaft die staatlichen russischen TV-Kanäle zu okkupieren, um den Russen zu zeigen, wie sehr ihr widerlicher Präsident sie belügt.

Gute Idee. Ich fände auch ein paar weitere Einsatzorte und Themen sehr interessant, z.B. die Zunahme an Millionären während der Corona Pandemie. Die Umverteilung des Vermögens, Motto: Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer. usw usw

Ich wünschte, es würde jemand ein Attentat auf ihn verüben und diesen Mann im Blutrausch endlich stoppen. Ein Oligarch soll ja schon eine Million Dollar auf seinen Kopf aus gesetzt haben, was aber auch schnell gelöscht wurde auf Facebook, wegen der Bezeichnung Dead or Alive.

Diese Phantasien gab es bereits bei Erdogan. Entspringen eher dem Hollywood Kino, „James erledige mal das Problem – und lass es wie einen Unfall aussehen!“

Wir sind schon am Beginn des dritten Weltkriegs. Ich glaube nicht, dass Putin uns die Möglichkeit lässt uns raus zu halten. Wenn die Ukraine erobert ist, wird Putin nicht aufhören.

Niemand weiß es, aber die Wehrpflicht einführen zu wollen, entsetzt mich. Und 100 Milliarden auf den Tisch zu legen, da finde ich kaum Worte.

Man muss wohl auch darüber nachdenken, dass man seine wichtigsten Dinge parat hat zur Flucht, wenn es hier los geht. Während ich das schreibe sterben Menschen durch Streumunition, Vacuumbomben, Panzer, und andres Gerät in U-Bahnhöfen, in ihren Häusern und auf den Straßen.

Mir fehlen die Worte vor Wut und Entsetzen!

JA. DAS IST GRAUENVOLL.

Das muss mal raus

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Ich ertrage diesen ganzen Dreck nicht mehr, dieses Töten, dieses Geschwafel eines Größenwahnsinnigen mit seinen beschissenen Russlandvorstellungen.

Junge Männer, die auf Kiew zumarschieren, sie werden töten, und in Kiew sind andere junge Männer mit Waffen, die auch töten werden. Die einen werden sich gezwungen fühlen, weil sie als Soldaten verpflichtet sind, die anderen werden töten, weil sie sich verteidigen wollen.

Sie waren doch alle mal Säuglinge, Kinder, von Müttern geboren, genährt, herangewachsen, und jetzt laufen sie durch die Welt und bringen sich gegenseitig um.

Und der Sumpf auf dem dieser stinkende, widerliche Unrat wächst, ist diese männliche Großmannsucht, diese patriarchale Mackerhaftigkeit. Diese Geschwätz von „Ehre“, von „Überlegenheit“, von „Besser sein“, von „Überlegensein“ und der Drang nach „mehr mehr mehr“.

Heute findet in Berlin der Prozess gegen zwei Brüder statt, die ihre eigene Schwester umgebracht haben, weil sie nicht ihren beschissenen, kleingeistigen Mackervorstellungen von „Mann und Frau“ entsprochen hat (nein, „Frau“ hätte ich typographisch ganz klein schreiben müssen, weil Frauen natürlich nichts sind im Vergleich zu Männern), weil die Schwester ihr Leben selber bestimmen wollte. Das ist natürlich eine wahnsinnige Verletzung der albernen EHRE. Das dürfte der Alltag der Taliban sein, ein männlicher Müllhaufen. Diese Herabsetzung und ekelerregende Behandlung von Frauen durch Männer findet in Afghanistan täglich statt. Im Namen eines Gottes. Lächerlich. Grotesk. Absurd. Abstoßend.

Die kindischen Vorstellungen von überlegener Rasse, überlegener Kultur, überlegener Zivilisation führen zu Aktionen, die alles in Schutt und Asche legen. Spielt im Sandkasten, ihr Schwachköpfe.

Mackertum.

Das gleiche Mackertum, das Vollidioten in 600 PS Autos über den Kurfürstendamm brettern lässt, andere Menschen – egal. Haben eben Pech gehabt. Waren zur falschen Zeit am falschen Ort.

Hauptsache ICH ICH ICH.

Der Westen ist besser als der Osten, der Osten ist besser als der Westen. Ach ja.

Am liebsten würde ich laut schreien.

Ich bin wütend

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Wo bekomme ich Beruhigungspillen?

Sollte ich mit einem Hammer auf meinen Drucker einschlagen? Ein HP Envy Photo 6232.

Der Drucker druckt nicht. Nicht mehr.

Er hat brav 4 Seiten gedruckt.

Jetzt hat er oder das System oder mein Notebook oder Bill Gates beschlossen: Offline. Problembehandlung angeclickt: Der Drucker ist OFFLINE. Er muss eingeschaltet sein.

HÖR ZU: Er IST eingeschaltet.

Habe ihn eingeschaltet, ausgeschaltet, er rappelt brav vor sich hin.

Aber DRUCKEN, neeeee keinen Bock mehr. Mir reichts. Bin ausgeschaltet.

Ich darf natürlich eine Problembehandlung als Feedback melden.

Ich stelle fest, ich bin nicht der einzige, dem das passiert.

Eine Lösung gibt es nicht.

Soll ich mal sagen, wie ich das finde?

Beschissen!!!

Was ist das für eine Benutzerfreundlichkeit?

Das ist Kafka. Immer mal wieder die gleiche Routine.

Lösung vermutlich:

Alle Programme schließen, Computer runterfahren, Drucker ausschalten. Alles von vorne beginnen.

Super!!

Die Botschaft dahinter:

Ihr blöden User seid mir wurscht. Seht zu, wie ihr klar kommt.

Ich bin unpolitisch. Ich bin gefühlskalt

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Seit heute morgen (11.01.22) werde ich jede Stunde durch die Nachrichten des Deutschlandfunks informiert, dass der EU-Parlamentspräsident David Sassoli mit 65 Jahren an Krebs gestorben ist. Reaktionen sind überwiegend, „bestürzt“, „betroffen“, „betrübt“ u.ä. So äußerst sich die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen auf Twitter »zutiefst betroffen über den schrecklichen Verlust eines großen Europäers und stolzen Italieners« und unser Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hat die Nachricht vom Tod Sassolis »mit Bestürzung« aufgenommen. Der EU-Klimakommissar Frans Timmermans beteuert auf Twitter. „Mir fehlen die Worte.“

Trauerbeflaggung ist in Deutschland (europaweit auch?) angeordnet.

Bin ich gefühlskalt?

Ich fühle nichts.

Ich bin durchaus politisch interessiert und orientiert, aber den Namen des Parlamentspräsidenten hatte ich nicht auf dem Schirm. Wer kennt sich schon aus mit all den PräsidentInnen, KommissarInnen usw.

In den Nachrufen auf Herrn Sassoli wird betont, dass er sich sehr für Menschen auf der Flucht eingesetzt hat. Aha, das ist jetzt offenbar was besonderes, dass sich jemand für Geflüchtete einsetzt. Wäre es nicht wünschenswert, dass sich JEDER und JEDE der hochbezahlen PolitikerInnen in der EU für Geflüchtete einsetzt?

Klar doch, ich bin ein Träumer! Ist nicht so, willkommen in der Wirklichkeit. An der Grenze Polen/Belaruss erfrieren sie. Niemand weiß, wieviele Tote da liegen.

Das macht mich betroffen.

Mich macht noch viel mehr betroffen:

Die Situation der Frauen in Afghanistan

Die Erschossenen in Kasachstan

Der 80jährige, der von einem LKW in Berlin totgefahren wird

Der Versuch Atomkraftwerke mit dem Etikett „nachhaltig“ zu versehen

Die Situation Alleinerziehender, die schuften müssen, um ihre Kinder zu versorgen – im reichen Deutschland oft mit einem Zweitjob

Die Anstrengungen der Pflegekräfte und die miese Situation in den Krankenhäusern

Die Ertrunkenen im Mittelmeer

Die Verhungernden im Jemen und auf Madagaskar

usw usw

Ich könnte endlos fortfahren, es gibt so vieles, was mich empört und betroffen macht.

Und oft, sehr oft, hört man gar nichts mehr davon in den Nachrichten.

Ich fordere Trauerbeflaggung täglich für die Frauen in Afghanistan und für die Toten an der polnischen Grenze und… und…

Natürlich ist es traurig, wenn jemand mit 65 Jahren an Krebs stirbt. Keine Frage!

(in Deutschland starben übrigens 2020 231271 Menschen an Krebs).

Aber dieses Betroffenheitswortgeklingel der Politikerzunft geht mir auf den Sender.

Es ist sicher für die Familie traurig, aber immerhin müssen sie sich mit Sicherheit um ihre finanzielle Zukunft und die Beerdigungskosten keine Gedanken machen.

Wie das für Hunderte (oder mehr?) in diesem reichen Land der Fall ist.

Dunkle Zeiten und Schwierige Liebe

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Die ARD hat am 27. Dezember die Serie „Eldorado KaDeWe – Jetzt ist unsere Zeit“ gesendet. https://www.ardmediathek.de/sendung/eldorado-kadewe/staffel-1/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL2VsZG9yYWRvLUthRGVXZQ/1/.

Ich habe die Serie (6 Folgen) fasziniert, berührt und mit Spannung gesehen.

Es geht um ein Drama in den 20igern, zentraler Ort ist das KaDeWe (gegründet 1907), im Mittelpunkt der Serie stehen die Freundschaft und die Lebensschicksale von vier jungen Menschen: Fritzi ( Tochter des jüdischen Kaufhausgründers Adolf Jandorf), Hedi (eine Verkäuferin im KaDeWe), Harry (Sohn des Kaufhausgründers) und Georg Karg (Prokurist im KaDeWe).

SchauspielerInnen

Valerie Stoll: Hedi Kron

Lia von Blarer: Fritzi Jandorf

Joel Basman: Harry Jandorf

Damian Thüne: Georg Karg

Das von der Regisseurin Julia von Heinz geschaffene Seriendrama vermischt Wirklichkeit und Fiktion in der Beziehung von vier sehr unterschiedlichen Protagonisten, gezeigt wird deren Entwicklung in einer Zeit wirtschaftlicher Not und zunehmendem Naziterror.

Hedi lebt in ärmlichen Verhältnissen, betreut ihre Schwester Mücke, die aufgrund ihres Down-Syndroms dem späteren Ehemann von Hedi ein Ärgernis ist.

Harry übernimmt als schwer traumatisierter Soldat leitende Funktionen im KaDeWe.

Georg Karg, der aus ärmlichen Verhältnissen stammt, hat sich mit Fleiß und Engagement in eine führende Position hochgearbeitet.

Fritzi als Tochter des Besitzers ringt um Anerkennung ihrer Arbeitsleistung und wehrt sich gegen eine „Domestizierung“ zur Ehefrau.

Hedi und Fritzi gehen eine intensive Liebesbeziehung ein, die lesbische Welt in Berlin wird in allen funkelnden und dunklen Facetten dargestellt.

Die Freundschaft der vier gipfelt in einem Schwur nach einer wilden Nacht im turbulenten Clubleben Berlins: Sie werden ihre Chance aufs Glück niemals vorüberziehen lassen. Doch die Realität in dieser Zeit ist hart.

Historischer Hintergrund

Adolf Jandorf (1870-1932) hatte nur einen Sohn, eben Harry (1896-1981), der dem Druck und Terror der Nazis nachgebend in die USA flüchtete. Georg Karg (1888–1972 ) war Einkäufer und in leitender Position beim KaDeWe Konkurrenzunternehmen „Hermann Tietz Warenhäuser“, er spielte eine unrühmliche Rolle bei der „Arisierung“ jüdischen Eigentums.

Dieser Prozess der Enteignung der jüdischen Besitzer, die Bereicherung mithilfe der Banken, der Hass auf Juden („Kauft nicht bei Juden ein“) ist in der Serie lebensnah in seiner ganzen widerlichen, deutschtümelden Attitüde dargestellt.

Mittlerweile ist bekannt, wie die Gier der edlen Deutschen auf den Besitz jüdischer Mitbürger sich vielfältig zeigte, z.B. durch die deutsche Ärzteschaft, die nur zu gern die Praxen jüdischer KollegInnen übernahm. Auch der allseits beliebte „Volksschauspieler“ Heinz Rühmann war sich 1938 nicht zu schade, über einen Mittelsmann für 40 % des regulären Wertes das Sommerhaus

Jandorfs am Kleinen Wannsee zu erwerben.

Folgende Themen der Serie haben mich besonders beschäftigt und zum Nachdenken angeregt:

  • Der Prozess der „Arisierung“, hier insbesondere die Enteignung
  • Die lesbische Beziehung von Hedi und Fritzi.

Die antisemitische Hetze (Judenboykott) gegen Adolf Jandorf begann lange vor der Zeit des Nationalsozialismus (1), das abstoßende Verhalten des deutschen Herrenmenschen zeigte sich dann jedoch immer unverblümter in vielfältiger Form, 1933 wurden 500 nicht-arische VerkäuferInnen des KaDeWe entlassen. Zynische Bemerkung: das hat die deutsche Öffentlichkeit natürlich nicht mitbekommen, „wir haben nichts gewusst“.

Die unmenschliche Haltung der Nazis offenbart sich in der Serie in dem Bemühen des späteren Ehemanns von Hedi, ihre Schwester Mücke wegen des Downsyndroms in ein Heim abzuschieben („lebensunwert“. „Schädlinge der Volksgesundheit“, die systematisch erfasst und umgebracht wurden). (2)

Es macht mich fassungslos, dass diese dumpfbackigen braunen Horden nun wieder aus dem Schlamm der Geschichte gekrochen sind, sich als pseudodemokratische Fratzen der Öffentlichkeit zeigen und mit ihrem Gegröle, gefeiert in Rechtsrock Veranstaltungen, ungehemmt und unverschämt sich äußern. Bands wie „Sachsenblut“ und die rechte Kultband „Stahlgewitter“ krähen ihre deutschnationalen Hetzetexte und warnen vor Überfremdung. 3). Die „Vogelschiss“- Partei AfD schwimmt unverdrossen auf dieser Welle mit. Die deutsche Herrenrasse ist wieder stolz auf die eigene Geschichte.

Die Aktualität von rechter Politik, deutschnationalem Getue und antisemitischem Hetzen ist frappierend. Der Umgang mit geflüchteten Menschen durch die „von Überfremdung bedrohten“ Deutschen ist abstoßend, verwundert allerdings angesichts unserer deutschen Geschichte nicht.

Ich empfinde tiefe Scham beim Blick auf diese Horden und ohnmächtigen Ärger.

Das zweite große Thema in der Serie war für mich die zarte, lebendige, lustvolle, kraftvolle, wilde und intensive Beziehung der beiden Frauen Hedi und Fritzi. Die Serie spiegelt diese Beziehung von ihren ersten vorsichtigen Anfängen bis zur innigen Liebe wieder. Eine Liebe, die als „widernatürlich“, „entartet“ und „krank“ gewertet wird.

Im Film erleben wir den grausamen Versuch, die in eine Heilanstalt gesteckte Fritzi, mithilfe von massiver „psychotherapeutischer“ Beeinflussung und Elektroschock von ihrer „kranken“ Liebe zu Hedi zu heilen, natürlich alles zu ihrem Besten. Es ist bewegend, wie Hedi sich angesichts des enormen gesellschaftlichen und familialen Drucks bemüht, einem normativen Ideal zu entsprechen, das ihrem ganzen Fühlen und Erleben widerspricht, und wie sie sich befreien kann.

Diese medizinisch-therapeutischen Maßnahmen sind ein beschämendes Kapitel in der Geschichte der Medizin und Psychotherapie. Die sog. Konversionstherapien sind mittlerweile in Deutschland verboten (Juni 2020). Noch im Jahr 2011 machten Ärzte des Katholischen Ärzteverbands das Angebot, vermittels Homöopathie eine Heilung von Homosexualität zu erreichen. (4)

Durch die Medikalisierung von Homosexualität als einem kranken, d.h. behandlungsbedürftigen Phänomen, fühlten sich viele Ärzte und Psychotherapeuten legitimiert, die sog. Kranken in ihre „Obhut“ zu nehmen – mit Methoden, die schmerzhaft, brutal, invasiv wirkten, und letztlich wirkungslos waren. (5) (6)

Im Oktober 2013 (erst!!!) beschloss die 64. Generalversammlung des Weltärztebundes, dass Homosexualität keine Krankheit sei und deshalb keiner Heilung bedürfe. Die Delegierten des Weltärztebundes lehnten auch die Konversions- bzw. Reparativtherapie ab.

Leider hat auch die Psychoanalyse die Homosexualität lange Jahre als pathologisch eingestuft, so dass homosexuelle Bewerber um einen Ausbildungsplatz an einem Institut in der Regel abgelehnt wurden. „Manif[est] Homos[exuelle] wären – einstweilen – grundsätzlich abzuweisen. Sie sind ja meist zu abnorm“ (7). Glücklicherweise ändert sich da einiges (8).

Zu sehen wie Fritzi in der Psychiatrie traktiert wird, hat mich mitgenommen, zumal diese Szenarien Wirklichkeit waren. All diese Methoden sind als inhumane Folter einzuschätzen, die auf dem Hintergrund eines unter christlicher Lehre begründeten gesunden Menschenverstands und normativer Setzung von „natürlich“ und „entartet“ praktiziert wird.

Ich habe noch nie verstanden, wie gerade das Christentum (egal ob evangelisch oder katholisch), in deren Zentrum die Liebe zu einander steht, äh, stehen sollte (ich vermeide jetzt einen Blick auf die blutgetränkte Geschichte des Christentums), sich unter Berufung auf GOTT, eine verurteilende

Haltung gegenüber homosexueller Liebe einnimmt. Und damit in einer Reihe mit den Nazis steht, die mit ihrer normativen Begrifflichkeit von „widernatürlich“ und „nicht artgerecht“ eine rassistisch geprägte Grundlage legten für die Ausrottung anderer Menschen: lebensunwert, nicht arisch, jüdisch, minderwertig, nur der deutsche Herrenmensch mit der kleinbürgerlichen Familie zählt, in der das Weibchen für den Führer möglichst viele Kinderchen produzieren soll. Immerhin hat die katholische Kirche am 27. August 2018 – erstaunlicherweise – erklärt, dass Homosexualität keine Krankheit sei und daher Konversionstherapien nicht befürwortet werden. An der Stellung der Homosexuellen im kirchlichen (Macht)apparat hat das jedoch nichts geändert.

Gerade in der lesbischen Liebe zeigt sich, dass hier in einer male-dominierten Welt der mangelnde Zugriff des Mannes auf das (Sexual)objekt Frau Antrieb für eine Abwertung, Bekämpfung und auch Kriminalisierung der lesbischen Frau ist. In der Differenz der Bekämpfung von weiblicher und männlicher Homosexualität offenbart sich männliche Arroganz, die die Liebe einer Frau zu einer Frau nicht ernst nimmt (da fehlt doch der penetrierende Phallus) oder auch nur als pittoreskes sexuelles Geschehen ansieht.

In der Serie wird einfühlsam gezeigt, wie Fritzi und Hedi die Liebe füreinander entdecken und ich finde, jeder Staat und jeder Gott hat sich da herauszuhalten. Müsste ein Gott sich nicht freuen über

diese Liebe, gerade auf dem Hintergrund von Hass und Ausgrenzung? Müsste ein Gott nicht glücklich sein, über Nähe, Zärtlichkeit, Zuwendung, Unterstützung, und ja auch sexuelle Lebendigkeit als Teil unseres Menschseins? Ist nicht der Umgang mit diesen Ausdrucksformen der Liebe ein Marker für christliches Lebensverständnis mit einem Gott als liebender Gestalt, der das Gebot der Nächstenliebe verkündet. Was soll das also, dass sich die Kirche hier normativ (und verurteilend) einmischt? Mit welcher Anmaßung produzieren sich religiöse Führer, um im Namen ihres Gottes Abwertung, Verurteilung, Verdammung, oder gar Mitleid zu formulieren (die armen sexuell Verirrten verdienen unser Bedauern).

Homophobie findet sich allerdings nicht nur im Christentum, auch in islamisch geprägten Gesellschaften existiert das gleiche Phänomen. Auf die weltweite Unterdrückung von Frauen sei hier verwiesen, grauenhaft aktuell das Schicksal von Frauen in Afghanistan. Was bilden sich diese barttragenden männlichen Hampelmänner eigentlich ein (das musste ich jetzt mal schreiben).

Im Nationalsozialismus wurde strafrechtlich die „Unzucht“ zwischen Männern geahndet (§§175, in der BRD galt der Paragraph bis 1969), homosexuelle Männer wurden gebrandmarkt mit einem „rosa Winkel“ ins KZ gesteckt, dort geschlagen, gefoltert und auch zwangskastriert und als Versuchsobjekte in medizinischen Untersuchungen missbraucht. (9)

Das Schicksal lesbischer Frauen im Nationalsozialismus ist nicht gut erforscht. Lesbische Beziehungen galten zwar ebenfalls als krank, widernatürlich, die Liebe konnte nicht offen gelebt werden, aber es gab im Deutschen Strafrecht keinen entsprechenden Paragraphen (im Unterschied zu Österreich). Es ist das Verdienst von Claudia Schoppmann (10) hier wesentliche Forschungsarbeit geleistet zu haben.

Ich habe jedenfalls die Daumen gedrückt für die Liebe von Hedi und Fritzi.

All you need is love!!!!

1) https://www.jewiki.net/wiki/Adolf_Jandorf

2) Sehr guter Text: https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/euthanasie-in-ns-deutschland-lebensunwertes-leben/

3) https://de.wikipedia.org/wiki/Rechtsrock https://dontcallitmusic.noblogs.org/post/2017/12/09/stahlgewitter-division-germania-rechtsrock-superstars-in-personalnot/

4) https://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/umstrittene-therapie-katholische-aerzte-wollen-homosexuelle-mit-homoeopathie-kurieren-a-766184.html

5) Das Gutachten von Prof. P. Birken bietet einen sehr guten Überblick https://www.bundesgesundheitsministerium.de/…/Gutachten_Prof._Dr._med._Peer_Birken.pdf

6) In dem Film von Stanley Kubrick „Clockwork Orange“ wird der Protagonist Alex durch eine sog. Ludovico-Therapie einer als Therapie deklarierten Folter unterzogen, eine Form der Aversionstherapie

7) Gschwind, Herbert: „Manif[est] Homos[exuelle] wären – einstweilen – grundsätzlich abzuweisen. Sie sind ja meist zu abnorm“ – Zum Verhältnis von Psychoanalyse und Homosexualität. Psyche, 2015, 69(7) 632-647

8) Steinbeck, Judith: Von der geschlossenen Gesellschaft zur offenen Gesellschaft? – Homosexualität in der Psychoanalyse.In: Wahl, Pit (Ed.), Geschlossene Gesellschaften zwischen Abschottung und Durchlässigkeit (S. 85-104). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2016,

9)https://www.sueddeutsche.de/politik/homosexualitaet-im-nationalsozialismus-der-abschaum-das-waren-wir-1.212725-3

10) Claudia Schoppmann (1998). Zeit der Maskierung. Lebensgeschichten lesbischer Frauen im „Dritten Reich“. Fischer TB und Claudia Schoppmann (1999): Verbotene Verhältnisse. Frauenliebe 1938-1945. Querverlag

Siehe auch meinen BLOGTEXT zum KaDeWe

https://bleskenliteratur.wordpress.com/2019/01/23/ich-bin-nicht-normal

Ein zweiter blogtext mit Material zum Thema ist in Vorbereitung.

Unterschiedliche Biber

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Die Biber waren aufgeregt, es wurde getuschelt, diskutiert, besorgt geschaut.

Die Nachricht war allerdings äußerst beunruhigend, es sollte zu Überschwemmungen bedrohlichen Ausmaßes kommen.

Lange war über die Ursache gerätselt worden, wodurch entstand die Flut, wer war Schuld, was konnte man tun?

„Das waren die Menschen,“ meinten die einen.

„Die Natur straft uns,“ murmelten andere.

Und natürlich gab es auch einige, die die Warnungen für Panikmache hielten.

„Man will uns in Angst und Schrecken versetzen,“ riefen sie, und „wir glauben nicht an diese Unkenrufe!“

Immerhin wurden erste Vorschläge gemacht, wie die Biber der zu erwartenden Wassermassen begegnen könnten. Das probate Mittel sollten Dämme sein. Möglichst alle kleinen Bächlein, alle Flüßlein seien mit entsprechenden Dämmen zu versehen. Tatsächlich gab es Experten, die sich überwiegend einig waren, dass nur Dämme helfen könnten.

Das mache allerdings nur einen Sinn, wenn möglichst viele Wasserstellen damit reguliert würden.

Die Obersten Biber zögerten, würden alle Biber mitmachen? War das Ganze nicht viel zu aufwendig? Wann sollte man mit dem Projekt anfangen?

Viele stundenlange Diskussionen.

Mittlerweile war der Wasserspiegel an manchen Stellen so stark gestiegen, dass mancher Biber in seinem Bau ertrank. Vor allem die älteren Biber waren einfach nicht so fit im Dämme bauen, waren zu langsam, wenn das Wasser heranrauschte, flüchteten auf ungünstige Stellen.

Eine schlimme Zeit. Und dennoch zögerten einige.

Biber Rolf rief: „Mein Bau und meine Wasserstelle sind sicher, ich bin jung und stark, was soll mir schon passieren.“

Die Biberin Luisa pflichtete ihm bei, „das ist doch alles Unsinn,“ und sie senkte die Stimme, „dahinter soll der Fuchs stecken, der will uns in Panik bringen und dann unsere Jungen schnappen und auffressen.“

„Genau,“ schrie Biber Hans, „der Fuchs hat immer schon so gierig geschielt, der will die Herrschaft über den Wald.“

Die Experten für Wasser und Dämmebau warnten, „wenn nicht bald was passiert, werden viele ertrinken.“

Nur waren diese Fachleute nicht allein, plötzlich gab es ganz viele Experten, geradezu eine Schwemme an Experten für Wasser und Dämmebau. Die vertraten ganz andere Meinungen.

„Wer zuviele Dämme baut, stirbt hundertprozentig an Erschöpfung,“ schrie die Biberin Ursula.

„Es reicht, wenn man in seinen alten Damm ein Zweiglein steckt, dann weiß das Wasser, dass es hier drumherum fließen muss“, beteuerte der grauhaarige Biber Bernd.

So entstand immer mehr Unruhe.

Schließlich meinte jemand, es gäbe nur noch einen letzten Weg, man müsse die Biber zwingen, Dämme zu bauen, das vereinzelte Bauen sei von zu schwacher Wirkung, um die Wassermassen aufzuhalten.

Doch es war keine Einigkeit herzustellen.

„Ich hab einfach keinen Bock auf diesen Stress,“ murmelte die kleine kräftige Biberin Susi.

„Wir lassen uns nicht unterdrücken,“ rief der Biber Jochen, „freie Biber in einem freien Wald.“

„Man muß genau abwägen,“ dozierte die kluge Biberin Svenja und wedelte mit der Flagge der Demokratie, „die Freiheit des Bibers gegen das Wohl aller.“

„Es lebe die Freiheit,“ riefen einige Biber sofort, „wir lassen uns nicht unterdrücken.“

Mittlerweile mehrten sich die Berichte über ertrunkene Biber, aber noch schienen sich einige durch klugen Dammbau retten zu können.

Wie es weiter ging? Ich weiß es nicht.

Später berichteten einige, sie hätten die Biberin Svenja noch mit der Flagge wedelnd untergehen gesehen.

„Nein“, widersprachen andere, „die war doch schlau, die hat sich natürlich einen Damm gebaut.“

„Ja“ , bestätigte Biber Jochen, der noch auf den letzten Drücker einen Damm angefertigt hatte, „schlau war sie, aber vielleicht hätte sie mal besser den anderen beim Dämme bauen geholfen.“

Persönlich: Kimawandel

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Am Freitag 24. September 2021 Klimastreik, weltweit. In Berlin spricht die 18jährige Greta Thunberg, Initiatorin von „Fridays for future“.

Ich hocke zuhause, eigentlich will ich dahin, eigentlich will ich mitlaufen, eigentlich will ich „Flagge zeigen“. Wie oft in meinem Leben habe ich schon „eigentlich“ gesagt. Eigentlich tun mir die Knie weh (Arthrose), mir ist schon klar, dass ich nicht länger als 15 Min laufen kann, und eigentlich habe ich unseren Hund zu versorgen.

Doch: Tatsächlich kann ich mit dem Fahrrad fahren (das geht), tatsächlich kann der Hund problemlos zwei oder sogar drei Stunden allein bleiben.

Ich entscheide mich: Also los mit dem Rad zum S Bahnhof Wilhelmsruh, von dort dauert es 17 Min bis S Bahnhof Friedrichstr. , ganz nahe zur Demo.

Der Weg zur S-Bahn ( 5km) deprimiert mich, Verkehr wie jeden Tag, Auto nach Auto, ein nie endender Strom. Klima?? Scheißegal, uninteressant. Ein Traum: alle Autos bleiben einfach mal für 10 Minuten stehen.

Fahrrad wie immer ein Störfaktor, ein weißer Transporter fährt so dicht auf, dass er mich auch schieben könnte, ein riesiger MercedesSUV (300 PS, 3 Tonnen schwer) quetscht sich hautnah an mir vorbei, jetzt straucheln, dann wäre es das gewesen, „1 PS 77 kg“ gegen „300 PS 3 Tonnen“ – keine Chance. In der S Bahn das übliche: kein Platz für das Rad, irgendwie reinquetschen. Fahrradstadt Berlin? Lächerlich.

S Bahn Friedrichstr, ich erreiche den Demonstrationszug. So viele Menschen, so viele junge Menschen, soviel Begeisterung, Mut, Engagement. Großartig. Ich bin zutiefst berührt.

„Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut“.

Die Stimmung ist wie ein Hoffnungsschimmer in einer düsteren (Klima)welt. Mich macht das glücklich.

Ich reihe mich ein, ein gutes Gefühl. Ich denke an die Äußerungen des Präsidenten des Deutschen Lehrerverbands, den offenbar nur die Einhaltung der Schulpflicht und die Form der Bestrafung der unbotmäßigen SchülerInnen interessiert. Könnte da nicht mal Begeisterung angesichts der Lebendigkeit und des Engagements der SchülerInnen auftreten, geht es nur um die Einhaltung irgendwelcher Curricula – vor allem angesichts des existentiellen Themas. Das übliche Beamten Argument: Da könnte ja jeder kommen. Huch, entleerte Schulen.

Frage an den Präsidenten: macht es Si glücklich, das Engagement dieser vielen jungen Menschen zu sehen, ihren Enthusiasmus, ihre Lebendigkeit, ihre Bereitschaft, sich den Zukunftsfragen zu stellen… Glänzen Ihre Augen, freut sich das Präsidenten-Herz.

Ach, wen interessiert das Herz.

Schulpflicht, Schulpflicht, Schulpflicht.

Wo bleiben Selbstzweifel und Selbstkritik? Wo ist der Einsatz des Deutschen LehrerInnenverbands für Fächer wie Klimakunde, Ernährung und Globalisierung, hätte es das nicht schon vor Jahren geben müssen? Muss erst eine 15jährige Schülerin in Schweden die Schulen (und die Welt) aufrütteln? Wo bleibt der Beifall der LehrerInnen?

Abendländisches Bildungsgut: hic haec hoc – der Lehrer hat nen Stock, is ea id, was will er denn damit, sum fui esse, er haut dir in die Fresse. Haben wir im Lateinunterricht memoriert. Existiert dieser Geist immer noch?

Aber was erwarte ich in einem Land, in dem Kinder immer noch als Kostenfaktor gesehen werden und nicht als Investition in die Zukunft, als Hoffnung für die Zukunft, als Verantwortung für die Zukunft.

37% der WählerInnen bei dieser Bundestagswahl sind über 60 Jahre alt, davon 21% über 70 J. Die Gruppe der 18 – 30 jährigen macht 14 % aus, d.h. eine erheblich ältere Gruppe trifft Entscheidungen, deren Folgen sie gar nicht (oder nur zum Teil) spüren werden, von den Kindern und Jugendlichen ganz zu schweigen. Das finde ich gruselig.

Am Abend dann die Wahlergebnisse. Ein kleiner Hoffnungsschimmer, es wird sich was ändern in diesem gelähmten Land. Wieviel? Ich bin eher skeptisch.

Und ich bin müde, ich kann dieses Politikergeschwätz nicht mehr hören. Am schlimmsten die unsägliche Alice Weidel, der ich nur eins zutraue: sich um ihre Macht und Karriere zu bemühen, ihr Deutschlandgetue ist reine Staffage. Abstoßend diese zynische Sprache, ich könnte kotzen. Genauso schlimm das Geschwurbel von Armin Laschet, er stehle sich nicht aus der Verantwortung und ähnliches Geschwätz. Ich höre nur einen Satz: ich will aber nicht verlieren, ich will die Macht behalten, ich will nix eingestehen, ich ich ich ich ich…

Und dann diese lächerlichen Sprüche: Deutschland will keinen sozialistischen Linksrutsch. Den BürgerInnen soll nicht durch eine Verbotspartei irgendwas vorgeschrieben werden. Dämlicher geht’s wohl nicht. Wenn ich Auto fahre, muss ich den Sicherheitsgurt anlegen, bei ROT muss ich an der Ampel anhalten, ich muss die vorgeschriebene Geschwindigkeit beachten, ich darf nicht mit einem Revolver rumballern, ich habe die Pflicht, meine Kinder zur Schule zu führen usw. Jede soziale Gemeinschaft benötigt Regeln. Ich wäre froh, wenn Massentierhaltung schlicht verboten wird. Punkt. Wenn Flugreisen nicht steuerlich subventioniert werden, wenn LKW verpflichtend mit Doppelspiegeln ausgestattet sind usw. Auf die Mündigkeit der BürgerInnen gebe ich in manchen Bereichen nicht sehr viel. Bei Einführung des Sicherheitsgurts wurde auch viel von der Beschneidung der Freiheit gefaselt. Erst die Anordnung eines Bußgeldes bei Fahren ohne Sicherheitsgurt brachte eine Änderung.

Ich ertrage Verarschung nicht mehr. Eine globale Verarschung. Nur ein Beispiel: Die freien Wahlen in Russland. Ein Kasperletheater, Augenwischerei, grotesk. Ein Volk wählt. Überraschenderweise wurde Putin gewählt. Wer hätte das gedacht?

Wie wird man nicht verrückt? Ich darf nicht nach Afghanistan schauen, das Schicksal der Frauen, das Schicksal aller, die nicht in das Steinzeitlebensmodell der Herrschenden passt. Der Mut der dort kämpfenden und demonstrierenden Frauen ist unglaublich, da werde ich ganz klein und ehrfürchtig. Wir haben ja unseren mutigen Querdenker, die für die Freiheit von der Maske und vom Impfen kämpfen. Super beeindruckend.

Und wir streiten verbissen um das Gender-Sternchen. Wichtiges Thema.

Ich darf nicht nach Brasilien schauen, der Verbrecher Bolsonaro… Im Grunde darf ich gar nicht mehr die Zeitung aufschlagen.

Und ich selber muss mit meinen Widersprüchen leben. Es ist sooo schwer, sich zu ändern.

Auf der Freitagsdemo drückte mir jemand ein Flugblatt von „Anarchistisches Kollektiv Glitzerkatapult“ in die Hand (glitzerkatapult.noblogs.org – „ein Glitzerkatapult befördert Glitzer in die Welt, macht sie bunter und schillernder – und das bereits im Hier und Jetzt“) .

Den meisten dort getroffenen Aussagen stimme ich zu: Fazit – vegane Ernährung. Ächz. Ich versuche ja, so wenig Fleisch zu essen wie möglich. Aber schon beim Verzicht auf Butter (ökologisch ganz ganz schlimm) fängt es an, ich mag diese Biomargarine nicht, bei Soja Yoghurt geht es weiter (brrr), Hafermilch ist grässlich. Und veganer „Käse“? Nein wirklich, ein Valençay, ein Reblochon, ein Munsterkäse – das sind sensorische Gedichte (eine Jahrhunderte alte handwerkliche Kunst der Herstellung) – alles streichen? Kann ich nicht. Will ich nicht.

Ich bin ein sündiger Mensch.

Der Mensch – The Most Dangerous Species on Earth